Banken und FinTechs: Freund oder Feind?

Der Konkurrenzdruck im Banking steigt – vor allem auf Vertriebsbanken. Wer jetzt den Kopf in den Sand steckt, hat bereits verloren. Gefragt sind wettbewerbsfähige Kooperationen.

Kaum ein Tag, an dem er momentan nicht prophezeit wird – der Untergang der Banken. Ich halte ein solches Szenario für eine Utopie. Der Einzelhandel ist trotz Amazon nicht ausgestorben, genauso wenig die Apotheken durch Online-Konkurrenten wie DocMorris. Bleibt also alles beim Alten? Nein, die Banken müssen sich allerdings teilweise neu erfinden und die gegenwärtige Entwicklung nicht nur als Herausforderung, sondern vor allem als Chance begreifen. Nicht ohne Grund hat Carl-Ludwig Thiele, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank, den Banken am Montag beim Zahlungsverkehrssymposium der Bundesbank den folgenden Satz ins Stammbuch geschrieben: „Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen.

Beschleunigen wird sich eine Entwicklung, die in Wirklichkeit bereits seit einigen Jahren im Gange ist: die Neuordnung des Drei-Säulen-Modells des Bankwesens. Und damit meine ich nicht die klassische Aufteilung in Privatbanken, Genossenschaftsbanken und öffentlich-rechtliche Sparkassen, sondern in Vertriebs-, Transaktions- und Spezialbanken. Denn so ist der Bankensektor de facto und jenseits der Bankenverbände längst aufgeteilt.

Vertriebsbanken am Scheideweg

Vor der größten Veränderung stehen Vertriebsbanken. Ihr Kerngeschäft ist die direkte Interaktion mit dem Kunden und an genau dieser Stelle greifen die FinTechs an. Ob bankless24, Traxpay oder auxmoney – sie alle punkten mit benutzerfreundlichen Lösungen und schicken sich an, den Kundenkontakt zu rauben. Allerdings besitzen die meisten FinTechs keine Banklizenz, d.h., zur Abwicklung von Transaktionen sind weiterhin Banken notwendig. Für diese ergeben sich daraus genau drei Handlungsoptionen: Öffnung, Kooperation oder die sprichwörtliche Vogel-Strauß-Reaktion.

  1. Öffnung
    Die Vertriebsbanken öffnen ihre Prozesse und Systeme für FinTechs. Damit laufen sie zwar Gefahr, den direkten Zugang zum Kunden stellenweise zu verlieren – aber sie behalten den Transaktionskunden und können Skaleneffekte in ihren Backofficeprozessen erzielen. Das ermöglicht den Vertriebsbanken im Umkehrschluss, ihren „echten“ Kunden weiterhin attraktive Konditionen und ein breites Leistungsportfolio anzubieten.
  2. Kooperation
    Option zwei ist die Kooperation mit den FinTech-Start-ups. Ein Weg, den z.B. die Deutsche Kreditbank (DKB) und die ING-DiBa gehen. Auf der Social Media Week Hamburg stellten Ende Februar Comdirect und Lendstar ihre Zusammenarbeit vor: über eine App sollen Nutzer untereinander Geld versenden, leihen oder Beträge untereinander aufteilen können. Lendstar wird für die Direktbanktochter der Commerzbank eine eigene gebrandete Version seiner App erstellen. Dies ist ein schönes Beispiel dafür, dass das Thema White Labeling zunehmend in den Fokus rückt. Im besten Fall entsteht durch die Kooperation eine Win-win-Situation: Die Banken stellen ihre breite Kundenbasis zur Verfügung, die FinTechs im Gegenzug ihre Innovationen.
  3. Vogel-Strauß-Reaktion
    Zum Schluss bleibt die Verweigerung. Aus meiner Sicht ist diese nur dann eine Option, wenn es Banken gelingt, selbst Mehrwerte und Innovationen zu kreieren. Das umfasst sowohl die Kundenbeziehung als auch maßgeschneiderte Produkte und Leistungen. Ob das zu leisten ist, wage ich allerdings zu bezweifeln – wenn überhaupt, nur von den wenigen echten Privatbankiers, die die Kundenorientierung ohnehin nie aus den Augen verloren haben. Allerdings erwarten die ohnehin anspruchsvollen Kunden des Private Bankings auch eine State-of-the-Art-Interaktion über alle Kanäle hinweg.

Geringe Auswirkungen für Transaktions- und Spezialbanken

Während Vertriebsbanken den Konkurrenzdruck durch FinTechs immer deutlicher spüren, ist die Lage für Transaktions- (z.B. dwp, ebase, Fondsdepot Bank, FIL Fondsbank) und Spezialbanken (z.B. KfW, Rentenbank) relativ entspannt. Bei Ersteren spielt die direkte und aktive Kundenbeziehung oft eher eine untergeordnete Rolle, da die Kundengewinnung über Vertriebspartner und Vermittler geschieht. Insofern sind FinTechs für die Transaktionsbanken in erster Linie ein weiterer Vertriebskanal, der Geschäft zuführt und zu Skaleneffekten verhilft. Als Beispiel kann hier die Kooperation von vaamo und der Fil Fondsbank genannt werden.

Spezialbanken hingegen sind meist keinem direkten Wettbewerb ausgesetzt und werden sich deshalb auch als letzte öffnen. Und selbst wenn, wird dies aus einer Inside-out-Perspektive geschehen – aus dem Betrachtungswinkel der Organisation. Ein Erfolg ist damit mehr als fraglich: es fehlt der Blick durch die Brille des Endkunden.

Gefragt ist ein gemeinsamer Standard

So oder so: Grundvoraussetzung für eine Zusammenarbeit zwischen Banken und FinTechs sind standardisierte Schnittstellen. Nur so ist es möglich, in relevante Größenordnungen vorzustoßen. Banken haben aktuell weder die Mittel noch die Kapazitäten, um 30 bis 50 FinTechs mit individuellen Schnittstellen und Prozessabläufen zu integrieren und auch FinTechs können es sich kaum leisten, knapp 2000 Banken mit individuellen Schnittstellen zu versorgen. Als Basistechnologien bieten sich in Deutschland der HBCI-/FinTS-Standard, EBICS sowie die bei jeder Bank vorhandenen Schnittstellenformate des Zahlungsverkehrs und Webservices an. Einen weiteren Vorteil bieten Kernbankensysteme mit offener Schnittstellenschicht (API).

Banken müssen die Challenge annehmen

Der Wettbewerb im Finanzdienstleistungssektor wird sich in den kommenden Jahren noch verstärken und in der Konsequenz trennt sich dadurch die Spreu vom Weizen. Der größte Druck wird dabei von Technologieunternehmen wie Facebook, Google oder Apple ausgehen. Sie zielen darauf ab, ein omnipotentes und -präsentes Bindeglied zwischen digitaler und realer Welt zu werden. Und je stärker diese Integration voranschreitet, desto eher scheuen wir davor zurück, diesen Lebensbestandteil „einfach“ auszutauschen. Banken, die aus Kundensicht kein besonderes Leistungsportfolio (Mehrwert) anbieten und digital nicht mit der Zeit gehen, werden die Challenge verlieren. Spannend ist in diesem Zusammenhang, ob die Gesetze des Silicon Valley dann auch für die Bankenwelt gelten werden: Danach kann es nur einen Marktführer geben, dahinter zwei größere (innovative) Markteilnehmer – gemeinsam decken sie ca. 80 Prozent des Marktvolumens ab. Die restlichen 20 Prozent teilen sich Nachahmer, denen lediglich die Preiskarte als Hebel bleibt.

Freund oder Feind? Aus meiner Sicht sind Kooperationen mit FinTechs für Banken mittelfristig der einzige Weg, um im Wettbewerb mit Facebook, Google & Co. zu bestehen. Oder sehen Sie andere Alternativen?

Wenn Sie an einem aktuellen Einblick in das B2B-FinTech-Universum 2015 interessiert sind, empfehle ich Ihnen die PASS FinTech-Studie. Sie erscheint in den kommenden Tagen.

 

Bildquelle: Shutterstock

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