Der Bankensektor und die Blockchain: Zum Stand der dezentralen Zukunft

Der Bankensektor und die Blockchain: Zum Stand der dezentralen Zukunft

Die Blockchain-Technologie entwickelt sich sehr dynamisch – wohin der Weg geht, lässt sich nach wie vor nur schwer voraussagen. Ein Blick auf Wunsch und Status quo.

Anfang des Jahres setzte sich unser Gastautor Professor Franz Nees hier im Finance IT Blog ausführlich mit der Blockchain auseinander und kam dabei zu einer eindeutigen Schlussfolgerung: Aufgrund ihrer fehlenden Skalierbarkeit ist sie für eine Abwicklung des allgemeinen Zahlungsverkehrs ungeeignet. Andere Experten kommen zu einer ähnlichen Einschätzung und benennen technische Probleme. Demnach verbraucht die Datenbank für eine Transaktion die gleiche Menge Elektrizität wie ein amerikanischer Durchschnittshaushalt pro Tag.

Ungeachtet aller Bedenken und Hürden entwickelt sich der Markt sprunghaft und die Vision, finanzielle Interaktionen ohne zentrale Intermediäre zu ermöglichen, wird mit Euphorie verfolgt: Es sei die größte Erfindung einer ganzen Generation und die Auswirkungen auf die Gesellschaft seien so groß wie beim World Wide Web, wird der US-amerikanische Berater Don Tapscott in den Medien zitiert. Auf dem World Economic Forum 2016 schätzten Experten, dass 2027 zehn Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts mit der Blockchain-Technologie abgewickelt werden. Laut Santander InnoVentures könnten Banken durch die Umsetzung der Blockchain-Technologie für grenzüberschreitende Zahlungen, Wertpapierhandel und Compliance bis 2022 jährlich 15 bis 20 Milliarden US-Dollar einsparen. Verlockende Zahlen, die – das sei kritisch angemerkt – eine konkretere Untermauerung vermissen lassen. Aber blicken wir zunächst auf den Status quo im Bankensektor.

Harmonie ade?

Eine Grundvoraussetzung der Blockchain ist, dass sich mindestens zwei Partner auf das gleiche Protokoll verständigen – das schreit förmlich nach einer Zusammenarbeit. So sind in der Finanzindustrie mittlerweile mehrere Initiativen entstanden. Meinem Eindruck nach weicht die anfängliche Harmonie jedoch zunehmend traditionellem Konkurrenzdenken:

Einer der Blockchain-Vorreiter im Bankensektor ist das 2014 gegründete Unternehmen R3 mit Sitz in New York. Ihm gelang es, mehr als 70 Mitglieder in einem Konsortium um sich zu scharen – das Who Is Who der internationalen Finanzbranche. Das Ziel: Über die Plattform die Möglichkeiten der Blockchain-Technologie ausloten, die Daten und Ideen der etablierten Player zusammenfassen und auf dieser Basis eine Blockchain für das Finanzwesen entwickeln. R3 hat mit Ethereum und IBMs OpenLedger/Hyperledger experimentiert und als erstes Produkt schließlich die Distributed Ledger Platform Corda vorgestellt. Der Code ist seit Ende 2016 als Open Source zugänglich und wurde an das Projekt Hyperledger der Linux Fundation übergeben. Dahinter steht die Hoffnung, Corda als Industriestandard zu etablieren.

So positiv das alles auf den ersten Blick klingt, im Gebälk des Konsortiums knarzt es in den letzten Monaten gewaltig: Im Januar schlug die unbedachte Äußerung des R3-Konsortiums „No Block Chain, because we don’t need one“ hohe Wellen. Ein Blockchain-Konsortium, das keine Blockchain benötigt? R3-Chef David Rutter sah sich gezwungen zu relativieren und stellte dar, dass man nie eine Blockchain-Lösung verfolgt hat, sondern lediglich auf dem Konzept aufsetzt. Corda ist eine Distributed Ledger Technology (DLT), welche im Gegenteil zur Blockchain die Teilnehmer selektiert und aus diesem Grund auch alle notwendigen Informationen über diese besitzt. Wer tiefer in das Thema einsteigen möchte, dem sei an dieser Stelle der Artikel „Die Blockchain ist tot. Es lebe die DLT“ von Sven Korschinowski empfohlen.

Darüber hinaus treten erste Banken den Rückzug an. So haben Ende 2016 Goldman Sachs, Morgan Stanley, Santander und die National Australia Bank die Organisation verlassen. J.P. Morgan folgte kurz danach. Man munkelt, den Instituten wurde das Konsortium zu groß – konkurrierende Interessen erschweren den Konsens für eine gemeinsame Plattform und unter dem Strich wollte man wohl auch kein Geld in ein Projekt investieren, das hinterher der halben Branche zugute kommt. Zudem wurden Stimmen laut, die den Mehrwert von R3 kritisch hinterfragen und daran zweifeln, dass sich dieser kommerzialisieren lässt. Es erscheint Stand heute also fraglich, ob der Verbund jemals ein vermarktbares Produkt hervorbringt.

Alleingänge und neue Allianzen

Goldman Sachs ließ verlauten, dass es nun das Ziel sei, in Eigenregie eine Blockchain zu entwickeln. So wirken die Abgänge aus dem Konsortium wie ein Rückschritt in eine Zeit, in der jeder für sich im stillen Kämmerlein an einer individuellen Lösung tüftelt. Auf der anderen Seite werden neue Allianzen geschmiedet: Anfang 2017 wurde bekannt, dass sieben europäische Banken (Deutsche Bank, HSBC, Natixis, KBC, Rabobank, Société Générale und UniCredit) planen, eine Plattform aufsetzen, die die Handelsfinanzierungen für kleine und mittelständische Unternehmen vereinfacht. Die Lösung setzt auf der Blockchain-Plattform Digital Trade Chain auf. Ziel des Konsortiums ist es, in zunächst sieben europäischen Märkten eine kritische Masse zu erreichen. Gerüchteweise soll das Produkt in der zweiten Jahreshälfte auf den Markt kommen.

Das Eine tun, ohne das Andere zu lassen

Ich persönlich bin vom disruptiven Potenzial der Blockchain-Technologie überzeugt. Indem sie dafür sorgt, dass Geschäftsmodelle effizienter und Prozesse schneller und kostengünstiger werden, wird sie die globalen Finanzmärkte grundlegend verändern. Aktuell sehen wir viele Proofs of Concept sowie erste Anwendungsfälle – insgesamt befinden wir uns jedoch noch in der Anfangsphase. Und an dieser Stelle offenbart sich auch der Bruch zu den eingangs zitierten euphorischen Prognosen: Wir schreiben momentan Frühjahr 2017 – um bis 2022 Einsparungen in Milliardenhöhe erzielen zu können, müsste sich der Blockchain-Zug schon blitzschnell in einen Transrapid verwandeln. Dr. Hansjörg Leichsenring brachte das Dilemma auf dem Bank Blog kürzlich treffend auf den Punkt: „Dennoch besteht kein durchgängig klares Verständnis über die Technologie, ihre Potenziale und letztlich darüber, wie der aktuelle Hype in profitable Geschäftsmodelle umgesetzt werden kann.“ Lauffähige Versionen sowie nachhaltige Wettbewerbsvorteile einzelner Player sind meiner Einschätzung nach in absehbarer Zeit nicht zu erwarten.

Beim Thema Kooperationen empfehle ich das Credo: Das Eine tun, ohne das Andere zu lassen. Interne Forschungen und externes Engagement müssen Hand in Hand gehen. Ohne langwierige Abstimmungsprozesse ist die Entwicklungsgeschwindigkeit sicher eine attraktivere – aber die derzeitige technologische Heterogenität der Lösungen muss irgendwann dennoch in gemeinsamen Industriestandards münden.

 

Bildquelle: Shutterstock

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.