Finanzdienstleister der nächsten Generation: Die neue digitale Macht der Kunden

Mitte November ging die Konferenz Finanzdienstleister der nächsten Generation in ihre sechste Runde. Teilnehmer aus Banken, Beratungsgesellschaften, dem Dienstleistungssektor und der Wissenschaft diskutierten über Geschäftsmodelle und notwendige Anpassungsprozesse.

Besonders interessant fand ich, dass auch Vertreter von Privatbankiers und Spezialbanken den Weg in das Hamburger Studienzentrum der Frankfurt School of Finance & Management gefunden hatten. Während Vertriebsbanken den zunehmenden Konkurrenzdruck schon deutlich spüren, ist die Lage für sie noch „entspannter“. Die auf gewachsenem Vertrauen basierende Kundenbeziehung bleibt von der Digitalisierung (noch) weitgehend unberührt. Die Kunden erwarten von diesen Banken weder eine hippe Website noch eine App mit z.B. P2P-Payment-Funktionen. Trotzdem reift auch hier das Bewusstsein, dass die Digitalisierung die Welt verändert und man die eigene Komfortzone irgendwann verlassen muss. Zumal es nur eine Frage der Zeit sein dürfte, bis erste FinTechs auch in diesem Bereich Nischen für sich entdecken.

Die jungen Wilden

Apropos FinTechs, mit FinLeap, FinReach, Scalable Capital Limited und WIR Finanzierer waren auch sie zahlreich in Hamburg vertreten und positionierten sich – ohne Ausnahme – als Partner der Banken. Eine clevere Strategie, die sich mit der Einschätzung unserer FinTech-Studie deckt: sie schreibt Zulieferern in weiten Teilen ein hohes Marktpotenzial zu. Das spiegelte sich auch in einer der zentralen Fragen des Tages wider: Womit können FinTechs Geld verdienen und welche Business Cases haben Zukunft? Kooperation ist dabei sicher keine schlechte Überlebensstrategie. Einig war man sich darin, dass Banken auch in Zukunft notwendig sein werden – schon alleine um den regulatorischen Rahmen zu bilden. Aus einer europäischen Perspektive heraus halte ich die in der Podiumsdiskussion geäußerte These, dass FinTechs keine eigene Bank gründen werden, in diesem Kontext allerdings für gewagt. Die EU-Banklizenz macht es möglich…

Versuchslabor mBank

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Keynote von Jörg Hessenmüller, Chief Financial Officer der Commerzbank-Tochter mBank. Diese wurde 2000 als erste polnische Online-Bank gegründet. Heute ist sie mit über vier Millionen Kunden das drittgrößte Institut des Landes. Trotz aller Online-Zentrierung betreibt die mBank Filialen – und generiert über diese gut 50 Prozent des Neukundengeschäfts. Die 40 sogenannten „Light-Filialen“ sind nicht selten in Shoppingcentern angesiedelt und vor allem auf den Verkauf von Girokonten ausgerichtet. Treiber sind die Rabatte, die Kunden unter anderem in den Geschäften der Mall einlösen können. Öffnungszeiten bis in den späten Abend sowie am Wochenende machen das Angebot zusätzlich attraktiv.

Das Konzept der mBank lässt sich vielleicht nicht 1:1 auf Deutschland übertragen, aber die Ansatzpunkte sind interessant. Anstatt über das große Filialsterben zu diskutieren, sollten wir über maßgeschneiderte Vertriebsmodelle nachdenken – je nach Kundenbeziehung. Das könnte z.B. folgendermaßen aussehen:

  • Einfache Produkte: Online-Kanal
  • Produkte mit mittlerer Komplexität: Discount-Filialen mit hohem Self-Service-Anteil
  • Komplexe Produkte: Starbucks- und Apple-Store-ähnliche Filialen mit Kauferlebnis

Wissen ist Macht

Für Diskussionen sorgte auch ein weiteres Geschäftsmodell der mBank: Buchungen auf den Konten werden ständig beobachtet und den Kunden darauf basierend maßgeschneiderte Vorschläge unterbreitet. Ein Beispiel: Urlaubskosten werden überwiesen – die Bank erinnert an die Reiserücktrittsversicherung, die man hier natürlich auch (mit ein paar Klicks) abschließen kann. Was viele Polen schon praktisch finden und was wir in anderen Branchen seit Jahren akzeptieren (vgl. Amazon), ist für uns im Banking nur schwer vorstellbar. Aber Fakt ist: Daten werden zunehmend zum Wirtschaftsgut und könnten zukünftig vielleicht der Preis für mein kostenloses Girokonto sein. Und ein Hinweis auf einen günstigeren Stromanbieter (wie es die comdirect heute schon praktiziert) ist ja auch nicht unpraktisch. Die Kernfrage ist also, wo guter Service endet und ein Eingriff in die Privatsphäre beginnt. Damit ist und bleibt das Thema Datenschutz eine zentrale Herausforderung.

Die Technologie ist wichtiger denn je

Digitalisierung, Niedrigzinsphase und eine zunehmende Regulierung: Banken bewegen sich aktuell in einem Spannungsfeld, das sich nur mit dem richtigen technologischen Kern auflösen lässt. So sind im Zusammenspiel mit FinTechs Flexibilität, eine schnelle Time-to-Market und Prozessautomation entscheidende Erfolgskriterien. Eigenschaften, die das Kernbankensystem gewährleisten muss – hier haben viele Banken noch deutlich Luft nach oben. Mehr Informationen zu diesem Thema finden Sie in meiner Präsentation Core Banking 4.0: Enablement und Integration von FinTechs.

 

Bildquelle: Frankfurt School Verlag GmbH

4 Gedanken zu “Finanzdienstleister der nächsten Generation: Die neue digitale Macht der Kunden”

  1. Josefine Mayer

    Ein wirklich spannend geschriebener Artikel der Lust auf mehr Macht. Außerdem malt er die Zukunft nicht düster sondern malt sich die Chancen aus. Ein paar Beispiele der Dienstleister der nächsten Generation wäre noch toll wenn ihr vorstellen könnt. Danke und LG Josefine

  2. Astrid

    Durch diese neue Mache der digitalen FDL entsteht auch ein gewisses Machtvakuum bei den Banken. So könnte man es durchaus sehen wenn man sich so manche Panikreationen der deutschen Banken so ansieht 🙂 Super Beitrag. Danke euch!

  3. mereditz

    Der Finanzdienstleister der Zukunft wird auch vermehrt als digitaler Master auftreten. Auch helfen so Services wie etwa das follow up trading das etwa von etoro oder wikifoliio angeboten wird.

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