InsurTechs: Eine Annäherung zwischen Hype und Hysterie

InsurTechs: Eine Annäherung zwischen Hype und Hysterie

Wie entwickelt sich die deutsche InsurTech-Szene und hinter welchen Ansätzen steckt wirklich Substanz und Marktveränderungspotenzial?

Der InsurTech-Markt verzeichnet weiterhin ein starkes Wachstum: Fast täglich kommen neue Konzepte auf den Markt bzw. kündigen sich an. Einen guten Eindruck hierzu vermittelt die fortlaufend aktualisierte „InsurTech-Übersicht DACH“ des New Players Network:

InsurTech-Übersicht DACH
InsurTech-Übersicht DACH; Quelle: New Players Network (Versicherungsforen Leipzig)

Alter Wein in neuen Schläuchen

Schaut man sich die Übersicht näher an, fällt sofort auf, dass die überwiegende Zahl der Anbieter formal als Makler bzw. Versicherungsvertreter agiert – also im vertriebsnahen Bereich. Sie besetzen ein klassisches Geschäftsfeld der Assekuranz mit smarten Online-Diensten und leiten ihre Attraktivität aus mobilen Oberflächen mit einem Höchstmaß an positiv wahrgenommener Usability ab. Hier sehe ich aktuell keine disruptiven Modelle, die bahnbrechende Marktveränderungen auslösen könnten. Selbstverständlich stoßen diese Angebote bei digital-affinen Kunden auf Interesse: Sie sind bequem, einfach und rund um die Uhr verfügbar. Aber so richtig neu sind diese Geschäftsmodelle nicht, nur die Verpackungen sind hübscher und interessanter.

Drei InsurTech-Themen mit Potenzial

Stand heute würde ich kein InsurTech als disruptiv klassifizieren. Allerdings gibt es in meinen Augen durchaus Technologien und Konzepte, die den Markt nachhaltig verändern könnten. Nachfolgend möchte ich Ihnen meine drei Favoriten vorstellen:

  1. Mit Big Data und Predictive Analytics zu maßgeschneiderten Produkten

    Veränderungspotenzial sehe ich bei Lösungen, die den individuellen Kundenbedarf aufgreifen. Das Zauberwort ist hier Predictive Analytics: Kunden bekommen aufgrund ihres Online-Verhaltens Lösungen angeboten, die in ihr Nutzungsschema passen. Möglich ist dies durch Big-Data-Analyse (von z.B. Google oder Amazon). Auf dieser Basis werden Lösungen mit deutlichem Mehrwert möglich. Es können passgenaue Angebote und Services rund um klassische Versicherungsprodukte bzw. den Versicherungsschaden unterbreitet werden. Reine Maklerlösungen und Versicherungsvergleiche verlieren damit mittelfristig an Bedeutung. Große Vergleichsportale wie CHECK24 arbeiten bereits mit Hochdruck an Konzepten, die neben dem Vergleich auch eine laufende Vertragsüberwachung mit Handlungsempfehlungen auf Basis von Predictive Services leisten sollen.

  2. Gemeinsam statt einsam mit Geld-zurück-Option

    Interessant sind darüber hinaus Geschäftsmodelle, welche den ursprünglichen Gedanken der Versicherungsgilden in den Vordergrund stellen. Hier wird gleichartige Versicherungsnachfrage in Gruppen im Sinne einer Versichertengemeinschaft gebündelt und man versichert sich in der Gruppe quasi gegenseitig. Lediglich Schäden ab einer bestimmten Größenordnung werden nicht mehr alleine von der Gemeinschaft getragen und sind bei klassischen Versicherungsunternehmen rückversichert. Jeder in der Gruppe partizipiert monetär von geringen Schadenquoten, das Betrugsrisiko minimiert sich quasi modellimmanent. Ein Konzept, das den Kundenansprüchen entgegenkommt: So wünschen sich laut einer GDV-Umfrage aus dem Jahr 2014 (wenig überraschend) fast 90 Prozent, dass Schadensfreiheit mehr honoriert wird. Bei Kfz- und Krankenversicherungen gibt es solche Modelle schon. Mit Anbietern wie z.B. Friendsurance wird das auch für andere Versicherungsarten (u.a. Hausrat und Haftpflicht) möglich.

  3. Blockchain: Zukunftsmusik mit enormem Potenzial

    Die Blockchain bzw. das Konzept der Smart Contracts kann für die Versicherer ein großes Änderungspotenzial bedeuten. Der lückenlose Nachweis von Eigentum macht es z.B. uninteressant, Besitztümer zu stehlen, da es beispielsweise beim Pkw dann keine gefälschten Eigentumsnachweise in Form von Kfz-Briefen geben kann. Zudem können Eigentum und Besitz gekoppelt werden. Wird ein Fahrzeug als gestohlen gemeldet, kann es durch den eindeutigen Eigentumsnachweis per „Fernwartung“ nutzungsunfähig gemacht werden. Gleiches wäre auch bei nicht bezahlten Versicherungsprämien denkbar. Aber auch auf der Kostenseite dürfte die Blockchain die Versicherer entlasten. Die Verwahrung vieler Dokumente könnte damit überflüssig werden. Allerdings ist das disruptive Potenzial eher mittel- bis langfristig zu sehen. Bis zur Marktreife sind noch sehr viele offene Fragen (Normierungs- und Regelungsbaustellen) zu klären.

Stillstand ist keine Option

In den allermeisten Fällen basieren die Geschäftsmodelle der InsurTechs heute auf einer Zusammenarbeit mit den Versicherern. Damit stellen sie größtenteils keine Gefahr, sondern eher eine Chance für die etablierten Player dar. Nichtsdestotrotz wurde eine Dynamik in Gang gesetzt, die mittelfristig zu einer Verschiebung der Kundenpräferenzen führen wird. Spannend bleibt die Frage, wann erste InsurTechs in den Kernbereich der etablierten Versicherer – die Risikodeckung – vorstoßen.

Auf der anderen Seite werden sich klassische Versicherer, die aktuell noch jeder für sich die klassische Wertschöpfungskette abdecken, teilweise auf das Kerngeschäft der reinen Risikodeckung zurückziehen und die Kundenschnittstelle partnerschaftlichen InsurTechs überlassen. Wieder andere werden durch eigene InsurTech-Ansätze nach wie vor die Schnittstelle zu den Kunden selbst abdecken wollen und können. Fakt ist allerdings: Stillstand kann sich kein Player leisten.

 

Bildquelle: Shutterstock

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