Lernen aus Fehlern: FinTech Fails

Lernen aus Fehlern: FinTech Fails

FinTech ist hip, entsprechend fließen die Investitionen. Trotzdem werden die meisten Start-ups scheitern. Über den Lohn von Wagemut.

Mein Kollege Hans Jörg von Schönfeldt hat Ende Januar die Frage gestellt, wohin die FinTech-Reise 2017 geht und in diesem Kontext herausgearbeitet, dass aufgrund des hohen Wachstums in den letzten zwei Jahren gerade in Deutschland eine rege FinTech-Aktivität erwartet wird. Ich teile diese Einschätzung, denke aber, dass 2017 auch ein Jahr der Konsolidierung sein wird: Nur wenige der neuen Player haben es bisher geschafft zu skalieren – und so wird das eine oder andere Unternehmen vom Markt verschwinden. Zuletzt traf es u.a. das Berliner Banking-Start-up Avuba.

FinTech Fails anstatt Erfolgsgeschichten

So lud der FinTech Stammtisch Berlin Ende Januar passenderweise zu einer Veranstaltung der etwas anderen Art: FinTech Fails: Lernen aus Fehlern. Die Referenten Andreas Haupt (ehemals Product Manager der Yapital GmbH) und Clas Beese (ehemals finmar) berichteten sehr ehrlich und authentisch über ihre Erfahrungen bei der FinTech-Gründung und erläuterten die Faktoren des Scheiterns.

Einblicke in das Scheitern des ersten deutschen PayPal-Konkurrenten

2011 gegründet, wollte die Otto-Tochter Yapital bis 2015 eine Million Kunden für das mobile Bezahlen begeistern. Andreas Haupt war als Product Manager für das FinTech tätig und berichtete damit im Rahmen des FinTech Stammtischs aus der Sicht eines leitenden Angestellten. Er präsentierte vier zentrale Lessons Learned:

  1. „Die Marke ist Teil der Produktentwicklung und (genauso) niemals fertig“
    Die Marketingkampagnen müssen mit den Produktinhalten harmonisieren, d.h. das Marketing muss sich mit dem Produkt weiterentwickeln. Yapital klingt aber eher wie Hundefutter und nicht wie DAS eWallet.
  1. „Entwickler müssen ihr Produkt im Alltag verwenden können – und wollen“
    Das Entwicklerteam saß weder am Stammsitz der Otto Group noch im hippen Berlin, sondern offshore. Die Developer hatten in ihrem Land damit nicht die Möglichkeit, das Produkt selbst zu nutzen. Das Resultat war eine fehlende Identifikation mit dem Produkt, zudem konnte man wenig von der Kreativität der Entwickler profitieren. Hier sei auch auf einen sehr lesenswerten Beitrag zum Thema Offshore Development von Andreas Haupt auf seinem Blog verwiesen.
  1. „Onboarding macht kein Produkt geil“
    Niemand entscheidet sich wegen eines schicken Onboardingprozesses für ein Produkt, sondern in erster Linie wegen der Produktfeatures. Hier wurde der Fokus bei Yapital falsch gesetzt.
  1. „Golden Circle“
    Die Darstellung muss von innen nach außen erfolgen: why, how, what – und nicht andersherum. Der Kopf vergleicht die Features eines Produktes, aber die Kaufentscheidung fällt letztlich „aus dem Bauch heraus“, also emotional. Wird die Frage nach dem emotionalen Kern eines Produkts (warum wird das Produkt überhaupt hergestellt?) nicht beantwortet, kann der Markterfolg nur ausbleiben. Vor allem, wenn der Wettbewerb diese Frage zufriedenstellend beantwortet.

„Nach dem Scheitern habe ich erst einmal Trauerbewältigung gegoogelt“

Eine etwas andere Perspektive, nämlich die des Gründers, nahm Clas Beese ein: Er wollte mit seinem Start-up finmar eine Crowdlending-Plattform für mittelständische Kredite aufbauen, die sich an Selbstständige und Unternehmer mit einem Kreditbedarf bis 25.000 Euro wendet, und hat sein eigenes Kapital eingebracht. Seine Engagement und seine Leidenschaft für die Idee merkte man Clas Beese noch immer an. Eine seiner wichtigsten Erkenntnisse: Es gibt – Marktforschung hin oder her – einen Unterschied zwischen dem, was die Leute sagen, was sie tun werden und dem, was sie dann tatsächlich tun. Zudem hat er unterschätzt, dass Unternehmen es nicht gerne publik machen, wenn sie ein Darlehen benötigen.

Da es sich beim Crowdlending um eine Kreditvergabe handelt, benötigte finmar eine Banklizenz oder alternativ eine Partnerbank. Komplett eigenfinanziert, überrascht es kaum, dass die Wahl auf die zweite Variante fiel. Letztendlich musste Beese ernüchtert feststellen, dass sich mit dem Geschäftsmodell operativ kein Geld verdienen lässt. Da für ihn ein Exit mit dem Verkauf seiner Anteile nicht in Frage kam, blieb nur noch das Aus.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

Die meisten Start-ups werden scheitern. Falsch wäre, daraus das Fazit zu ziehen, dass FinTechs ein Hype ohne Substanz sind. Sie verändern die Bankenwelt – allerdings ist heute noch nicht absehbar, wer sich durchsetzt und wer auf der Strecke bleibt. Und so werden zwangsläufig hohe Investitionssummen versenkt werden. Wichtig ist, das Scheitern als Chance zu sehen, aus den Fehlern zu lernen. So sind beide Referenten der Gründerszene treu geblieben und bringen ihre Erfahrungen in neue Projekte ein: Clas Beese als Gründer des FinTech-Newsletters finletter und Andreas Haupt als Product Owner yomo bei der Star Finanz GmbH. Und weil es gerade so schön passt: In unserem letztjährigen Innovation Report Banking haben wir die fehlende Kultur des Scheiterns als eines der größten Innovationshemmnisse bei Banken identifiziert. Aber das ist ein anderes Thema…

An dieser Stelle möchte ich mich bei den Organisatorinnen der Veranstaltung, Susanne Krehl und Juliane Wolff, nochmals für die gelungene Veranstaltung und die spannende Referentenauswahl bedanken.

 

Bildquelle: Shutterstock

2 Gedanken zu “Lernen aus Fehlern: FinTech Fails”

  1. Hansjörg Leichsenring

    Interessant, aber nach meiner Wahrnehmung ist Yapital vor allem daran gescheitert, dass strategisch der Fokus einseitig auf den Einzelhandel gesetzt wurde und man schlicht den Konsumenten vergessen hatte.

    1. Ole Barkmann

      Ole Barkmann Artikel Autor

      Hallo Herr Leichsenring,
      ja, ich sehe es so, dass die vier lessons learned ganz gut ihre Einschätzung der strategischen Ausrichtung widerspiegeln bzw. auch die Folge sind.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.