Das (digitalisierte) Kreditgeschäft der Zukunft

Alle reden drüber, keiner macht’s – zumindest nicht im Kreditgeschäft. Ich spreche von einer konsequenten Digitalisierung. Dabei sind die Prozessstandards schon lange nicht mehr ausreichend. 

John Cryan, der neue Chef der Deutschen Bank, fand in seiner ersten Pressekonferenz Ende Oktober deutliche Worte: Die IT ist veraltet, ein Drittel der Hardware am Ende ihrer Lebensdauer. Die Systeme seien „lausig“, die ganze interne Struktur „schrecklich ineffizient“, die Prozesse langsam. Eine Einschätzung, die sich meiner Meinung nach 1:1 auf das Kreditgeschäft deutscher Banken übertragen lässt.

Digitalisierung? Fehlanzeige!

Willkommen in der manuellen Realität: Alleine der Entwurf von Kreditprodukten dauert in der Regel Monate (der Löwenanteil entfällt auf Programmierungen) und auch der weitere Lebenszyklus ist nicht gerade von Automatisierung und Geschwindigkeit gekennzeichnet. Akten werden von A nach B getragen, Briefe getippt und das vom Kunden erwartete digitale Erlebnis auf dem neusten Stand der Technik ist schlicht und ergreifend nicht vorhanden. Gleichzeitig steigen die Kosten für Compliance, die Cost Income Ratio verschlechtert sich und die Erosion der Margen im Einlagen- und Kreditgeschäft ist kaum aufzuhalten.

An der digitalen Stellschraube drehen

Der Wind im Kreditgeschäft wird rauer. Und am Horizont formiert sich neue Konkurrenz. Ob Kabbage, Lending Club oder Funding Circle – FinTechs nehmen mittelständische Unternehmen ins Visier und versorgen sie mit Krediten. Im Gegensatz zu vielen anderen Geschäftsmodellen wird ihnen ein hohes Eruptionspotenzial zugeschrieben. Unter dem Strich sind sie schneller, agiler und kosteneffizienter. Banken agieren mit großen Kreditabteilungen, FinTechs mit technologischem Vorsprung. Hier liegt der Knackpunkt: Was fehlt, ist eine konsequente Digitalisierung entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Nächste Ausfahrt: Robo-Kredit

Es gilt, sämtliche Prozessschritte zu automatisieren. Wie das aussehen könnte? Für mich sind der Ausgangspunkt Produktkonfiguratoren, mit deren Hilfe sich Kredite auf Knopfdruck erstellen lassen. Zwischen Idee und Markteinführung liegen dann nicht mehr Monate, sondern Tage – zeit- und kostenintensive Programmierungen entfallen. Projektfinanzierungen und strukturierte Kredite müssen sich nicht mehr dem System fügen, die Software richtet sich speziell nach den Bedürfnissen des Kunden.

Auch beim Kreditbetrieb sehe ich großes Optimierungspotenzial. So ist die Einbindung des Kunden (Self-Service) eine interessante Option. Denkbar ist z.B., die Kreditvorgänge mit dem Online-Banking zu verknüpfen – der Kreditnehmer könnte u.a. Sondertilgungen selbst berechnen und ausführen. Banken schlagen so zwei Fliegen mit einer Klappe: der Aufwand sinkt und die Kundenzufriedenheit steigt.

Aller guten Dinge sind drei

Letztlich sind es drei Kernelemente, die Finanzdienstleistern und Kreditinstituten einen technologischen Fortschritt ermöglichen:

  1. Hochflexible Produktmaschinen mit dem Potenzial zu einer schnelleren Time-to-Market. Die Software muss mit so hohen Freiheitsgraden ausgestattet sein, dass die Bank in der Lage ist, selbst – und ohne Programmieraufwand – neue Produkte zu etablieren. Eine flexible Architektur, die bereits heute in der Lage ist, die Anforderungen von morgen zu antizipieren.
  2. APIs: Die wachsende Anzahl an FinTechs und Änderungen im Konsumverhalten erfordern, dass Systeme in der Lage sind, schnell Informationen mit Drittanbietern oder interner Software auszutauschen.
  3. Business Process Management (BPM): Sinkende Deckungsbeiträge und ein hoher Kostendruck machen der Finanzindustrie zu schaffen. Viele der in Organisationshandbüchern und Arbeitsanweisungen dokumentierten Arbeitsschritte lassen sich automatisieren. BPM steht auch für eine interdisziplinäre Orchestrierung der Arbeitsabläufe.

Die Zukunft des Kreditsachbearbeiters darf nicht im Schreiben von Briefen oder dem Abheften von Verträgen liegen, sondern er sollte sich als Kreditportfoliomanager auf die Kernelemente der Kreditvergabe sowie das „Loan Wealth-Management“ konzentrieren. An einer konsequenten Digitalisierung führt dabei kein Weg vorbei.

 

Bildquelle: Shutterstock

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