Scan and Extract: Neue Möglichkeiten für Versicherer

Warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht? Wie ein durchgängiger Online-Workflow im Versicherungsfall aussehen könnte, beleuchten diese Woche unsere Gastautoren Martin Stämmler und Jürgen Oesterle.

FinTechs sprießen vor allem mit smarten Lösungen rund um den Zahlungsverkehr wie Pilze aus dem Boden. Mobile Payment wartet allerdings immer noch auf den großen Durchbruch bei Kunden und Händlern – mangelt es doch an durchschlagenden Mehrwerten. Und dennoch haben es erste FinTechs in unseren „Finanzalltag“ geschafft. Noch immer kann ich mich bei der Bezahlung meiner Rechnungen begeistern. Nein, mein Geld auf ein fremdes Konto zu transferieren, löst keine Glücksmomente aus. Das Wie hingegen schon: statt lästigem Abtippen von Empfängerdaten, inkl. Vertippen bei der IBAN, scanne ich mit meinem Smartphone. Alle relevanten Daten werden ausgelesen und landen zielsicher in den richtigen Feldern der Online-Überweisung. Es lebe der (kleine) Komfort!

Ganz anders sieht es hingegen noch bei Versicherern aus. Dokumente sind hier im Schaden- bzw. Leistungsfall noch immer wie vor 20 Jahren im Original einzureichen. Wenige Anbieter akzeptieren auch eingescannte Dokumente, bieten aber keinen durchgängigen Online-Workflow. Also scannen, Antrag ausfüllen, Scan anfügen und versenden. Im Vergleich zur Fotoüberweisung ein äußerst unkomfortables Unterfangen, das auch nach Ansicht unserer Gastautoren viel Potenzial verschenkt. Aber lesen Sie selbst:


Wie war das noch? Warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht?

Knapp neun Millionen Menschen in Deutschland sind privat versichert. Selbst wenn jeder davon monatlich nur eine Rechnung, ein Rezept und einen dazugehörigen Beleg einreicht, gehen bei den entsprechenden Krankenkassen pro Jahr 324 Millionen Dokumente ein, die meisten davon per Post.

Neue Technologien öffnen die Tür für innovative & kundenfreundliche Lösungen

Die Verarbeitung dieser Dokumente kostet nicht nur Zeit, sondern vor allem Geld. Kein Wunder, dass 2013 bei privaten Krankenversicherungen Verwaltungskosten von mehr als drei Milliarden Euro angefallen sind. Mobile Apps und Lösungen, die zum einen eine Scan-Funktion und zum anderen eine semantische Erkennung und Extraktion von Inhalten bieten, können sowohl auf Kunden- als auch auf Firmenseite endlich Abhilfe schaffen. Denn durch eine Kombination aus mobilem Scannen und semantischer Erkennung können Produkte entstehen, mit denen die oben beschriebenen Prozesse schnell, bequem und sogar teilautomatisiert erledigt werden können. Um bei potenziellen Nutzern und auf Unternehmensseite Akzeptanz zu finden, muss jedoch einiges beachtet werden.

Herausforderungen beim mobilen Scannen

Eine der größten Herausforderungen beim Scannen mit Smartphones besteht darin, ein einfaches Foto von einem Dokument in einen qualitativ hochwertigen Scan zu verwandeln. Dazu werden in verschiedenen Bildanalyse- und Verarbeitungsschritten störende Einflüsse, wie unregelmäßige Beleuchtung, kleine Verwackelungen oder perspektivische Verzerrungen, korrigiert. Dies ist natürlich zum einen wichtig, um Nutzer und Unternehmen zufriedenzustellen. Zum anderen ist die Bildqualität entscheidend für die Ergebnisqualität einer anschließenden Texterkennung (OCR), die als Basis für die semantische Analyse dient. Sind Textzeilen nicht gerade oder Buchstaben nicht klar erkennbar, kann weder eine saubere Texterkennung noch die darauf aufbauende Datenextraktion erfolgen. Parallel dazu muss darauf geachtet werden, dass der Scan-Vorgang und eine mögliche Weiterleitung eines Dokuments schnell und reibungslos ablaufen, um dem Nutzer lästige Wartezeiten zu ersparen. Entsprechend sollte beispielsweise die Dateigröße des Scans – trotz hoher Bildqualität – möglichst gering sein.

Automatisierte Prozesse durch semantische Erkennung & Extraktion von Inhalten

Sind analoge Rechnungen oder Belege gescannt, kann die Texterkennung und im nächsten Schritt die semantische Analyse stattfinden. Im Hinblick auf Versicherungsgesellschaften ist folgender spannender Anwendungsfall denkbar: Durch eine semantische Extraktion könnten z.B. Daten zum Leistungserbringer oder zur Diagnose automatisiert in interne Systeme übernommen, geprüft und freigegeben werden.

Fazit: Spannende Serviceleistungen & großes Einsparpotenzial

Dieses Beispiel zeigt: Die Kombination aus einer Scan-Technologie für Smartphones und einer anschließenden semantischen Analyse und Extraktion von Daten bietet großes Potenzial für neue spannende Produkte. Versicherer haben dadurch die Möglichkeit, sich durch innovative Serviceleistungen vom Wettbewerb abzuheben und die Kundenbindung durch das Schaffen echter Mehrwerte langfristig zu steigern. Zudem bieten semantisch extrahierte Daten eine ideale Basis, um interne Unternehmensprozesse effizienter und vor allem zeitsparend zu gestalten.

Über die Autoren

Stämmler MartinMartin Stämmler arbeitet als Senior Mobile Developer bei organize.me, einem FinTech Start-up aus München, das u.a. eine Scan-Technologie für Smartphones und eine eigene Semantik-Lösung für Business-Kunden, wie z.B. Banken, entwickelt hat. Der studierte Techno-Mathematiker beschäftigt sich seit mittlerweile vier Jahren damit, eine perfekte Scan-Technologie für Smartphones zu entwickeln.

 

Oesterle JürgenJürgen Oesterle ist Senior Semantic Analyst und arbeitet ebenfalls bei organize.me. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Entwicklung von semantischen Lösungen. Vor seinem Start beim Münchner FinTech Start-up im Jahr 2014 war er als Senior Computational Linguist and Software Developer bei Microsoft tätig.

 

Bildquelle: Shutterstock

5 Gedanken zu “Scan and Extract: Neue Möglichkeiten für Versicherer”

  1. Andreas Klug

    In der Tat: eine spannende Entwicklung mit enormen Potential für die Versicherungswirtschaft. Wenn auch nicht mehr so neu. Die semantische Extraktion wenden wir für unsere Kunden bereits seit 2009 an. Wir konnten hier mit ITyX Technologien aus Deutschland (www.ityx.de) im Bereich Private Krankenversicherung (PKV) die durchschnittlichen Bearbeitungszeiten je Servicevorgang von durchschnittlich 10 Minuten auf unter 1 Minute senken.

  2. Christine Spietz

    Christine Spietz

    Hallo Herr Klug,
    da gebe ich Ihnen völlig Recht – die Technologie ist so neu nicht. Das spannende ist jedoch der Einsatz im Kunden Frontend. Die User Experience kann mit dem Scannen von Belegen mittels Smartphone auf ein neues Level gehoben werden. Anstatt die Rechnungen per Post an die PKV zu versenden, werden diese direkt beim Kunden digitalisiert und online versendet. Aus meiner Sicht ein wesentlicher Schritt hin zur Digitalisierung in der Versicherungswirtschaft und vor allem mit hoher Sichtbarkeit und Komfortgewinn für Versicherungskunden.

  3. Marc

    Bei den Verantwortlichen scheint og. Möglichkeit aber noch nicht angekommen zu sein, denn warum bringt man ansonsten bspw. http://www.dkv.com/kunden-iphone-app-rechnungsapp.html heraus? Nicht die Idee ist schlecht, sondern es gibt kaum Rechnungen mit entsprechendem „Aufdruck“ und wenn sodann doch mal eine vorhanden ist/wäre, installiert man wegen dieser doch keine App.
    Wird der scan upload über die Homepage gewählt, erfolgt keine direkte Erkennung, da aktuell lediglich ein Upload-Formular zur Verfügung gestellt wird.

    Wenn die oben beschriebene Möglichkeit just-in-time erfolgen würde, könnte der Versicherte sogar die Daten prüfen/korrigieren und erst dann zur Verfügung stellen.
    nur da werden wir alle in Rente sein, bis das in diesem Segment ankommt 😉

    1. Christine Spietz

      Christine Spietz

      Hallo Marc,
      in der Tat werden diese Möglichkeiten der digitalen Rechnungseinreichung noch kaum genutzt. Die von Ihnen zitierte Lösung der DKV wird sich aus zwei Gründen nicht durchsetzen können:
      1. Der Nutzerkreis ist durch die Beschränkung auf iOS stark eingeschränkt. iOS verfügt in Deutschland über einen Marktanteil von rd. 16% wohingegen der Marktführer Android auf rd. 75% aller verkauften Smartphones läuft http://www.kantarworldpanel.com/global/smartphone-os-market-share/
      2. Die App benötigt einen QR-Code, der nur von einigen wenigen ärztlichen Verrechnungsstellen unterstützt wird.

      Einen wesentlich größeren Benutzerkreis würde eine Lösung erreichen, die lediglich ein Smartphone und eine App für alle gängigen Betriebssysteme erfordert. Also Scannen und semantische Analyse jeder Arztrechnung mit jedem Smartphone. Ganz egal ob diese Rechnung direkt vom Arzt oder von einer Verrechnungsstelle erstellt wurde. Und genau so eine Lösung könnte sich ein jeder Versicherer einkaufen und seinen Kunden zur Verfügung stellen. Das Rad muss also nicht erst neu erfunden werden und das lässt mich stark hoffen, dass das noch vor unserem Renteneintritt passiert.

  4. Robert Lengsfeld

    Klingt interessant und ich freue mich auf die innovativen Ideen, die demnächst am Markt erscheinen werden. Es gibt sicherlich sehr viele Anwendungsfälle für die Scan-Technologie von Organize.me.
    Gerade im Bereich PKV fällt mir aber eine einfachere Lösung ein: Die Rechnung sollte direkt in Kopie an den Versicherer gehen (digitalisiert natürlich). So werden dem Kunden noch einige Arbeitsschritte erspart.

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