Orient trifft Okzident: Islamic Banking in Deutschland

Ein Geschäftsmodell ohne Zins – das Islamic Banking ist in Deutschland angekommen und stellt auf vielen Ebenen Neuland dar. Es gilt, die Abbildung islamkonformer Produkte, die deutschen Bilanzierungsregeln, das regulatorische Meldewesen, den SEPA-Zahlungsverkehr und die Anti-Geldwäscheprüfung unter einen Hut zu bringen.

Heute möchte ich Ihnen zeigen, wie ein solches Projekt in der Praxis aussieht: Verzicht auf verzinslichen Geldverleih, auf Geschäfte mit Glücksspielcharakter und auf Investitionen in Unternehmen, die nicht mit den ethischen Grundsätzen des Islams vereinbar sind: Die KT Bank, eine 100-prozentige Tochter der türkischen Kuveyt Türk Katılım Bankası A.Ş., hat im Frühjahr 2015 als erste islamische Bank in der Eurozone eine Lizenz von der BaFin erhalten.

Mit fast fünf Millionen potenziellen, muslimischen Kunden ist Deutschland ein attraktiver Markt. Das Fazit nach rund zwei Jahren? „Unsere Bilanzsumme liegt aktuell bei 140 Millionen Euro und wir betreuen bereits eine vierstellige Anzahl an Retail-Kunden aus 68 Nationen sowie Hunderte von Firmenkunden – mit deutlich steigendem Trend“, so Torsten Lüttich, Member of the Managing Board bei der KT Bank. Ohne Frage, das Islamic Banking hat in Deutschland Fuß gefasst. Bis dahin waren allerdings einige Herausforderungen zu meistern, nicht zuletzt mit Blick auf die IT und die einzuhaltenden regulatorischen Vorgaben.

Gesucht: Nahtloser Anschluss und Erfahrung

Den Antrag auf die Erteilung einer Banklizenz reichte die Kuveyt Türk Katılım Bankası A.Ş. erstmals im Herbst 2012 ein. Sie arbeitete dabei eng mit dem Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KPMG zusammen, welches das Institut auch bei der Dienstleisterauswahl unterstützte. Ein zentraler Baustein war dabei die IT-Infrastruktur. „Um die spezifischen Prozesse des Islamic Bankings abzudecken, galt das Kernbankensystem BOA unseres türkischen Mutterhauses als gesetzt. Nun ging es darum, durch Funktionserweiterungen die Anforderungen des deutschen Finanzmarktes zu erfüllen“, blickt Lüttich zurück.

Den Fokus legte man damals auf den Zahlungsverkehr, das Meldewesen und die Bilanzierung. Neben den reinen Funktionalitäten kristallisierten sich im Auswahlprozess vor allem zwei Kernanforderungen heraus: Zum einen sollte die Lösung nahtlos an das microsoft-basierte, bestandsführende System BOA anschließen und zum anderen sollte der Softwarepartner über umfangreiche Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Auslandsbanken am Standort Deutschland verfügen. Die PASS Consulting Group konnte mit ihrer offenen und modularen SolutionWorld Banking – einem vollumfänglichen Kernbankensystem – beide Anforderungen erfüllen und erhielt Anfang 2014 den Zuschlag.

Kommunikation über moderne Webservices

Die Umsetzungsphase bis zur Aufnahme des Geschäftsbetriebs im Juli 2015 war von einer sehr engen Zusammenarbeit zwischen den Projektteams in Frankfurt, Istanbul, Hamburg und dem Rhein-/Main-Gebiet geprägt. Mit fachlicher Unterstützung von PASS und KPMG wurde das System BOA in der Türkei für den deutschen Markt modifiziert und für eine Realtime-Verarbeitung vorbereitet. Die Kommunikation zwischen BOA und dem Auslandsbanken-Package von PASS erfolgt über Webservices. Über diese Kopplung ist die Einhaltung der regulatorischen Vorgaben in Zahlungsverkehr, Meldewesen, Bilanzierung und Geldwäscheprävention gewährleistet. Dank der modernen Architektur beider Lösungen gestaltete sich die Integration vergleichsweise einfach – der Knackpunkt lag darin, ein gemeinsames Verständnis für die jeweiligen nationalen, bankfachlichen Besonderheiten zu schaffen und daraus ein tragfähiges Konzept für den deutschen Markt zu entwickeln.

Modulare Flexibilität

Den Geschäftsbetrieb nahm die KT Bank bewusst mit einem schlanken Produktspektrum auf: Neben dem Zahlungsverkehr standen das Kredit- und Einlagengeschäft im Fokus. Heute werden beispielsweise auch Handelsfinanzierungen sowie Debit- und Kreditkarten angeboten. Basis dieser Strategie ist die offene und modulare Architektur der SolutionWorld Banking, die ein inkrementelles Wachsen von Produkten und Services unterstützt. Flexibilität herrscht auch in Bezug auf die technische Infrastruktur: Die KT Bank entschied sich gegen einen eigenen Rechenzentrumsbetrieb und lässt alle Anwendungen in den ISO/IEC-27001-zertifizierten Bankrechenzentren von PASS hosten. Dies umfasst neben dem Auslandsbanken-Package auch das türkische BOA, Microsoft Exchange und Office sowie die komplette Datenhaltung.

„Islamic Banking in Deutschland – das war für uns alle eine Pionierleistung sowie eine rechtliche, fachliche und räumliche Herausforderung, die wir gemeinschaftlich gemeistert haben. Da die Anwendungsentwicklung in Istanbul und Hamburg sitzt und die IT-Steuerung von Frankfurt aus gemanagt wird, ist ein diszipliniertes und lösungsorientiertes Zusammenarbeiten auf einer partnerschaftlichen Basis erforderlich, das mit PASS jederzeit gegeben ist“, resümiert Lüttich.

Über die KT Bank

Die KT Bank AG mit Hauptsitz in Frankfurt am Main ist die erste Bank in Deutschland und gleichzeitig in der Eurozone, die umfassende Finanzprodukte und Dienstleistungen nach den Prinzipien des islamischen Bankwesens anbietet. Sie ist eine 100-prozentige Tochter der Kuveyt Türk Katılım Bankası A.Ş. in Istanbul. Die Kuveyt Türk ist eine der führenden Beteiligungsbanken in der Türkei, Hauptgesellschafter der Kuveyt Türk ist das Kuwait Finance House, eine der bedeutendsten Islambanken der Welt. Kuveyt Türk eröffnete bereits 2004 eine Repräsentanz in Deutschland und reichte im Oktober 2012 den Antrag auf Erteilung einer Bankenlizenz bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) ein. Die Lizenz zum Betreiben des Einlagen- und Kreditgeschäftes wurde im März 2015 erteilt. Seit Juli 2015 hat die KT Bank AG den Zahlungsverkehr aufgenommen und besitzt Niederlassungen in Berlin, Frankfurt, Köln und Mannheim.

Mehr Informationen zum Thema Islamic Banking bietet Ihnen übrigens auch mein Artikel: Braucht Deutschland Islamic Banking?

 

Bildquelle: KT Bank

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