Lebensversicherung war gestern – über die Altersvorsorge von morgen

Die klassische Kapitallebensversicherung muss revolutioniert werden – und zwar radikal. Verschlafen die deutschen Versicherer die Entwicklung?

Die Schlagzeilen ähneln sich: „Die Lebensversicherung hat ausgedient“, „BaFin erklärt Lebensversicherung zum Auslaufmodell“, „Lebensversicherungen droht 90-Millarden-Euro-Loch“. Wahr sind sie alle. Die Lebensversicherung, wie sie der Verbraucher kannte und standardmäßig in seinem Renditeportfolio hielt, wird ihrer Funktion und Rolle kaum mehr gerecht. Das schlägt sich auch in Zahlen nieder: Letztes Jahr ging die Zahl der Neuabschlüsse um deutliche 13 Prozent zurück. Die Beitragssumme des Neugeschäfts lag bei 149 Milliarden Euro und damit 20 Milliarden unter dem Vorjahresergebnis. Die klassische Lebensversicherung scheint ohne Zukunft – insbesondere vor dem Hintergrund, dass ein Großteil der Versicherer kaum mehr genügend Gewinne erwirtschaftet, um die versprochenen Renditen auszuzahlen: Die aktuelle zehnjährige Bundesanleihe verspricht lediglich eine Rendite von 0,2 Prozent per annum.

Die Renditefalle schnappt zu

Solvency II, eine andauernde Niedrigzinspolitik, wachsende Kosten sowie ein durch die Digitalisierung zunehmender Wettbewerb – die Gründe für den Niedergang der klassischen Lebensversicherung sind hinreichend bekannt. Ein erhöhter Innovations-, Adaptions- und Kostendruck seitens der Lebensversicherer trifft auf Anleger, die nach neuen, attraktiven Vorsorgeprodukten verlangen. Mit einer Rendite von 1,25 Prozent (von denen nach Abzug von Provisionen, Administrationskosten und Risikorückstellungen noch 0,42 Prozent verbleiben) lockt man heute kaum noch einen Verbraucher hinter dem Ofen hervor.

Zudem mussten die Versicherer laut Assekurata 2014 eine durchschnittliche Garantieverzinsung von 3,05 Prozent aufbringen – und damit weit mehr als das Doppelte der 1,25 Prozent, die Neukunden versprochen werden. Der Grund: Mehr als 21 Prozent der bestehenden Verträge haben noch den hohen Garantiezins von vier Prozent. Um ihre Leistungsversprechen erfüllen zu können, müssen die Lebensversicherer Rücklagen (gemäß Zinszusatzreserve) bilden – eine Finanzierung aus dem laufenden Geschäft ist vor dem Hintergrund anhaltender Niedrigzinsen nicht realistisch. 2014 mussten sie der Zinszusatzreserve bereits acht Milliarden Euro zuführen. In Conclusio: Die klassische Kapitallebensversicherung muss revolutioniert werden – und zwar radikal.

Potenzial noch lang nicht ausgeschöpft

So logisch diese Konsequenz auch erscheinen mag – den Handlungsaktivitäten  der Lebensversicherer nach zu urteilen, scheint es, als hofften die Assekuranzen vielmehr auf bessere Zeiten und entlastende Reformen des Gesetzgebers. Dabei gibt es viel Optimierungspotenzial samt naheliegenden Lösungsansätzen – das zeigt z.B. ein Blick auf das Standard-Vorsorgeportfolio Großbritanniens. Hier dominieren dynamische Hybridprodukte:

  • Variable Annuities sind fondsgebundene Versicherungen, bei denen der Versicherungsnehmer seine Prämie(n) in einen oder mehreren Fonds investiert. In den USA bereits 1952 eingeführt, etablierten sich vergleichbare Produkte erst seit Anfang 2000 in Deutschland – z.B. mit dem TwinStar (GMIB) der AXA im Jahr 2006.
  • Enhanced Annuities bilden individualisierte private Rentenversicherungen ab. Sie versprechen durch eine Gesundheitsprüfung zu Rentenbeginn eine „faire“ Berechnung der Rentenzahlungen. Im Vergleich zu Großbritannien – dort bildeten sie 2012 gut 20 Prozent bzw. 4,5 Milliarden Pfund des Beitragsbestands – stellen Enhanced Annuities in Deutschland bisher noch immer eine Rarität dar.
  • Indexpolicen erlauben dem Versicherungsnehmer die Partizipation an der Entwicklung eines ausgewählten Indizes. Eine jährliche Absicherung der Beitragssumme schützt die Versicherungsnehmer vor Verlusten. Anstelle der Indexpartizipation kann auch eine feste Jahresverzinsung gewählt werden. In Deutschland bieten bislang nur wenige Versicherer Indexpolicen an – wenn, werden sie in der Regel in den europäischen Aktienmarkt (Stoxx 50) investiert.

Ein weiterer Vorteil der britischen Versicherer sind die vergleichsweise geringen gesetzlichen Restriktionen, die eine wesentlich flexiblere Anlagepolitik erlauben. Die Aktienquote liegt hier nicht selten bei über 30 Prozent, in Deutschland bei weit unter 10 Prozent. Das macht britische Kapitallebensversicherungen weitaus attraktiver und rentabler als die deutschen Pendants.

Dem Wandel folgen veränderte Prozessanforderungen

Die neuen Vorsorgeprodukte senken das Zins- und Kostenrisiko für Versicherer, gleichzeitig erhöhen sich aufgrund der flexibleren Produkt- und Vertragsgestaltungsmöglichkeiten die Anforderungen an die operative Abwicklung sowie an Administration und Prozessgestaltung. Versicherer, die bereits fondsgebundene Altersvorsorgeprodukte, Hybridprodukte oder auch andere neuartige Vorsorgeprodukte mit Fondsanteilen in ihrem Portfolio halten oder dies planen, müssen sich künftig verstärkt mit der Einführung eines Straight-Through-Processing-Verfahrens und administrationsunterstützenden Anwendungen auseinandersetzen.

Innovationen vorantreiben

In seiner aktuellen Struktur schöpft der deutsche Lebensversicherungsmarkt seine Potenziale nicht aus. Die Herausforderung besteht darin, sämtliche Entwicklungschancen – sei es auf Produkt- und Prozessseite oder auf Seiten der Anlagepolitik – zu nutzen. Nur so wird die Kapitallebensversicherung sowohl für den Verbraucher als auch für die Versicherungswirtschaft wieder zu einem attraktiven und rentablen Produkt. Dazu ist es notwendig, Produkte zu etablieren, die den veränderten Verbraucherinteressen und Lebenswelten entgegenkommen. Damit einhergehend sind Umstrukturierungen der Vertriebs- und Handelsplattformen, der Prozesse sowie der Anlage- und Investmentpolitik unabdingbar. Inspiration bietet der Blick über den Tellerrand, z.B. auf den britischen Versicherungsmarkt. Spannend bleibt dabei dann allerdings die Frage, inwieweit die Politik eine Evolution der Lebensversicherung in den nächsten Jahren durch Reformen mitträgt, oder ob neue regulatorische Anforderungen den Wandel am Ende nicht sogar behindern.

 

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