Braucht Deutschland Islamic Banking?

Bald bietet das erste islamische Institut seine Finanzdienste in Deutschland an. Was steckt hinter der neuen Bank für Muslime und wird sich unsere Bankenlandschaft vielleicht sogar nachhaltig verändern?

Das Islamic Banking ist in Deutschland angekommen: Im März hat die BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) der Kuveyt Türk Bank AG (KT Bank) die Vollbanklizenz erteilt. Damit geht die erste Bank in der Eurozone an den Start, die sich an den Maßstäben des Korans misst. Den Geschäftsbetrieb wird das Institut Mitte des Jahres aufnehmen. Die Banklandschaft in Deutschland und der gesamten Eurozone hat sich damit de facto verändert.

Ein Modell mit Zukunft?

In Deutschland leben rund vier Millionen Muslime. Ihre Bankgeschäfte tätigen sie bisher bei konventionellen Instituten. Brauchen wir Islamic Banking also überhaupt? Eine Frage, der ich mich über eine Betrachtung des Marktumfeldes, des Geschäftsmodells und der Philosophie nähern möchte.

1. Das Marktumfeld

Die Mehrheit der Muslime in Deutschland hat türkische Wurzeln; mit nach wie vor starken Bindungen in ihr Heimatland. Die Muttergesellschaft der KT Bank zählt zu den größten Finanzinstituten der Türkei, ist also für die meisten Muslime in Deutschland ein bekannter Akteur. Ziel ist, innerhalb von drei bis vier Jahren eine Bilanzsumme im mittleren dreistelligen Millionenbereich zu erreichen. Wie Geschäftsführer Kemal Ozan gegenüber dem Handelsblatt äußerte, haben Marktforschungen ergeben, „dass 21 Prozent der Muslime hierzulande ein islamisches Geldhaus als natürliche Hausbank sehen würden“. Vor diesem Hintergrund erscheint der ausgegebene Wachstumskurs zwar ehrgeizig, aber durchaus realisierbar.

2. Die Produkte

Werfen wir einen Blick auf die Besonderheiten des Islamic Banking – wie unterscheidet es sich vom westlichen Bankmodell? Im Kern, durch das vom Koran auferlegte Zinsverbot. Kurz gesagt: Mit Geld darf kein Geld verdient werden. Was heißt das für Finanzierungen oder Anlagen? Nehmen wir das Beispiel eines Autokaufs: Im Falle einer Finanzierung gibt die Bank dem Kunden keinen Kredit, sondern sie selbst kauft das Auto und verkauft es anschließend mit einem Aufschlag weiter. Den Gesamtpreis bezahlt der Kunde in Raten ab. Damit ist es ein Handelsgeschäft und dieses ist nach den Maßstäben des Koran ausdrücklich erlaubt. Natürlich sammeln auch islamische Banken Einlagen ein, um sich zu refinanzieren. Allerdings geben sie – im Gegenteil zu konventionellen Sparprodukten – keine Zinszusagen, sondern beteiligen ihre Kunden an den Gewinnen aus den Handelsgeschäften.

Auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint, dass Wertpapier- und Optionsgeschäfte im Islamic Banking nicht generell verboten sind: Aktien werden als Unternehmensbeteiligung gesehen, der Aktionär damit als Eigentümer an dem Unternehmen und nicht als Spekulant. Bei Optionsgeschäften entscheidet der Zweck, ob sie erlaubt sind. So werden reine Währungsspekulationen z.B. negativ bewertet, die Absicherung eines Währungsrisikos im Rahmen eines Export-/Importgeschäfts hingegen positiv.

3. Die Philosophie

Der Koran definiert nicht jedes einzelne Finanzgeschäft – insofern ist Islamic Banking immer auch eine Sache der Auslegung. Dennoch gibt es klare Beschränkungen: Investitionen rund um die Bereiche Alkohol, Pornografie, Schweinefleisch, Waffen und Prostitution sind verboten. Die Kontrolle dieser Regeln sowie die Diskussion von Auslegungsfragen verantworten von den Instituten einberufene Ethikräte. Durch die beiden Grundfesten „keine Spekulationen“ und „ethisches Banking“ rückt das Islamic Banking für mich in die Gilde der Nachhaltigkeitsbanken auf. Vorausgesetzt man übersetzt Nachhaltigkeit mit mehr als nur „grün“.

Neue Aufgaben für die Banken-IT

Mit mehr als vier Millionen potenziellen Kunden ist Deutschland ein lukrativer Markt, den weitere islamische Banken in den Fokus nehmen werden. Daraus ergeben sich neue Ansprüche an Kernbankensysteme. Unter anderem gilt es, die Abbildung und Verarbeitung von islamkonformen Produkten, die deutschen Bilanzierungsregeln, das regulatorische Meldewesen und den SEPA-Zahlungsverkehr unter einen Hut zu bringen. Als Bank mit starken Wurzeln in der Türkei bringt die KT Bank darüber hinaus Anforderungen einer im Schnitt wesentlich jüngeren und „mobileren“ Gesellschaft mit – das wird auch für andere Kreditinstitute gelten, denen der Weg nach Deutschland natürlich ein Stück weit geebnet wurde. Den deutschen Teil des Kernbankensystems der KT Bank hat PASS geliefert und umgesetzt, für mich persönlich eine spannende Erfahrung. Als komplett neues Geschäftsmodell in der Eurozone fiel die Prüfung des Vollbankantrags durch die BaFin intensiver aus als bei anderen von uns begleiteten Bankneugründungen.

Islamic Banking liegt im Trend

Der Islam ist ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft. Insofern haben islamkonforme Banken ihre Berechtigung – genauso wie christliche Institute (z.B. Pax-Bank oder Evangelische Bank). Zumal ihr Ansatz eines nachhaltigen Bankings, mit Blick auf die Realwirtschaft anstatt auf die Spekulation, einen aktuellen Trend aufgreift: Immer mehr Kunden legen darauf Wert, ihr Geld ethisch, ökologisch und sozial korrekt anzulegen. Insofern könnte sich die Zielgruppe der KT Bank schnell über die Religionsgrenzen hinweg erweitern. Auch konventionelle Banken wie z.B. die Deutsche Bank oder die Commerzbank bieten bereits einzelne islamkonforme Produkte an. Für mich fühlt es sich allerdings schon anders an, ein nachhaltiges Produkt von einem komplett nachhaltig orientierten Institut zu kaufen, als von einem, das selbst im großen Stil spekuliert. Oder ist das nur eine romantisch-idealistische Sichtweise – in Zeiten, in denen wir ganzjährig beim Discounter frische Bio-Erdbeeren aus China kaufen?

 

Bildquelle: Shutterstock

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