Brexit: Quo vadis Banken?

Brexit: Quo vadis Banken?

Mit dem Brexit könnten Londons Banken den Zugang zum europäischen Markt verlieren. Trotz aller Unklarheiten: Abwarten und Tee trinken wäre eine schlechte Strategie – genauso aber überstürzter Aktionismus. 

Der Brexit hat begonnen: Letzte Woche starteten die formellen Verhandlungen zum Ausscheiden des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union. Auch wenn der Zeitrahmen vertraglich vorgegeben ist, gibt es hinsichtlich der Verhandlungsziele und der Taktik der englischen Regierung noch viele Unklarheiten. Die Ergebnisse der britischen Unterhauswahl haben nicht für die gewünschten klaren Mehrheitsverhältnisse gesorgt.

In der neuen politischen Konstellation wird ein weniger harter Verhandlungskurs erwartet. Ein „weicherer“ Brexit erscheint möglich: So könnte es neben dem Exit-Agreement auch zu einem Abschluss einer Übergangsvereinbarung mit den verbleibenden EU-Staaten kommen. Es gilt dabei jedoch zu bedenken, dass eine solche Vereinbarung nach vorwiegender Rechtsauffassung vermutlich der Zustimmung der verbleibenden EU-Mitgliedstaaten bedarf.

Die Konsequenzen dieser Konstellation für das grenzüberschreitende Bankgeschäft mit Kunden im EU-Raum ist für die UK-basierten Marktteilnehmer nun noch weniger klar absehbar als vor der Wahl. Wie können diese am besten mit den zusätzlichen Unsicherheiten umgehen?

„Wait-and-see“ ist keine Option

Sollte Großbritannien nach Ende der Austrittsverhandlungen nicht mehr Teil des Europäischen Binnenmarktes sein, spricht alles dafür, dass in London beheimatete Finanzhäuser den ungehinderten Zugang zum Finanzmarkt der Europäischen Union verlieren werden. Wollen sie weiter Produkte und Dienstleistungen in den 27 verbleibenden EU-Staaten anbieten, benötigen sie in diesem Szenario nach März 2019 eine lokal beaufsichtigte Präsenz mit Banklizenz in der EU.

„Wait-and-see“ ist keine Option: Sollte es im Worst Case zu einem „Cliff-Edge“-Brexit ohne Marktzugangsregelungen und Grandfathering zum vertraglich geregelten Termin kommen, ist das Geschäft auf dem Kontinent akut gefährdet. Allerdings kann eine zu frühe Fixierung auf ein mögliches Brexit-Ergebnis teure Investitionen und Umstrukturierungen mit lang nachlaufenden Kosten zur Folge haben. Geboten ist eine schrittweise adaptive Strategie, die ein jeweils flexibles Reagieren ermöglicht, aber trotzdem sicherstellt, den Worst Case abzudecken.

Base Case definieren

Auch wenn derzeit nicht absehbar ist, welche Regelungen ab April 2019 für das Cross-Border-Geschäft aus UK gelten werden, kann ein Base-Case-Szenario als „Rettungsnetz“ definiert werden:

  • Aus heutiger Sicht erscheint ein Wegfall der bestehenden Passporting-Regelungen als mittelfristig wahrscheinlich. Ein Vertrauen auf ein Grandfathering oder langfristige Äquivalenz-Regelungen setzt das Geschäft einer dauerhaften politischen Unsicherheit aus und ist damit nicht tragfähig.
  • In einem solchen Szenario lassen sich Anforderungen an das Geschäftsmodell, die Infrastruktur und die rechtlichen Strukturen ableiten.
  • Dieses Base-Case-Szenario lässt sich so als Rettungsnetz durchplanen. Damit sind auch die erforderlichen Schritte, wie beispielsweise Genehmigungsverfahren und die Zeitplanungen, für eventuelle Umstellungen absehbar.

Diese Planungen wurden seitens einzelner Marktteilnehmer zumindest schon begonnen, in einzelnen Fällen gingen die Entscheidungen über die geplanten Aufbauprojekte bereits durch die Presse. Geprüft wird z.B. die Verlagerung von Geschäften und Personal, etwa nach Paris, Dublin oder Frankfurt. Auch die Aufsicht hat ein aufmerksames Auge auf diesen Prozess.

Mit der Arbeit am Rettungsnetz beginnen

Diese Planung kann zudem genutzt werden, um die spätestmöglichen Starttermine zu ermitteln. Zu den Startpunkten der wesentlichen Aktivitäten ist dabei dann jeweils zu prüfen, welches Szenario als Ergebnis der Verhandlungen nun als am wahrscheinlichsten gelten kann. Haben sich die Rahmenbedingungen nicht grundlegend verändert, wird das Modell weiter umgesetzt. Ergeben sich aus den Verhandlungen Änderungen, so ist die Vorgehensweise nochmals zu prüfen.

Optionen zur Flexibilisierung nutzen

Zur Verminderung der Investitionen und des Restrukturierungsbedarfs lassen sich hier Übergangslösungen miteinbeziehen, wie beispielsweise ein Back-to-Back-Buchungsmodell oder die Nutzung bestehender Einheiten bzw. externer Anbieter für Funktionen, die nur mit größerem Aufwand selbst erstellt werden können.

Eine volle Implementierung sollte dann in Abstimmung mit der Aufsicht schrittweise in den Folgejahren erfolgen. Verschiedene Aufsichtsbehörden wie z.B. die deutsche BaFin haben hier bereits Flexibilität signalisiert, auch wenn sie keine Ausnahmetatbestände für Briefkastenfirmen akzeptieren werden.

 

Bildquelle: Shutterstock

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.