Infrastrukturinvestments & Solvency II: Zeit, den Notarzt zu rufen?

Solvency II fordert eine hohe Kapitalunterlegung für Infrastrukturprojekte. Die Allianz und die Talanx investieren trotzdem. Positives Signal oder doch eher Kammerflimmern?

Anfang des Jahres habe ich die Kapitalrestriktionen unter Solvency II kritisiert: sie verschärfen die Zwangslage der Versicherer und laufen dem politisch gewollten Ziel einer Mobilisierung privaten Kapitals für Infrastrukturprojekte zuwider. Inzwischen sind sieben Monate ins Land gezogen. Zeit für ein Update.

Die ersten Versicherer wagen sich aus der Deckung

Anfang August machte die Allianz Schlagzeilen: Der Versicherer kaufte gemeinsam mit drei Co-Investoren die Raststättenkette Tank & Rast. Für die 350 Tankstellen, 390 Raststätten und 50 Hotels flossen 3,5 Milliarden Euro. Vor einigen Tagen hat nun die Talanx nachgezogen und verkündet, dass sie bis zu 320 Mio. Euro in einen geplanten Offshore-Windpark in der Nordsee investieren wird. Mittelfristig sollen bis zu zwei Milliarden Euro in Infrastrukturprojekte fließen. Zwei Meldungen, die positiv stimmen könnten: Versicherer investieren vermehrt in Infrastrukturprojekte – trotz Solvency II.

Aber so einfach ist es nicht. Während die Allianz und die Talanx sich aus der Deckung wagen, sieht Giovanni Liverani, Chef der Generali Deutschland, Handlungsbedarf seitens der Politik: „Bei der Finanzierung von Infrastrukturprojekten oder Investitionen in Erneuerbare Energien müssen wir nach aktueller Sachlage ca. 50 Prozent des investierten Kapitals als Sicherheit hinterlegen. Hier ist die Politik gefordert, die Rahmenbedingungen so anzupassen, dass solche Finanzierungen für Versicherer attraktiver werden.“

Sicher ist, dass nichts sicher ist

Der Weg für die Allianz und die Talanx wurde Anfang 2015 durch eine Novellierung der Anlageverordnung geebnet. Diese erleichtert es Versicherern, in Infrastrukturprojekte zu investieren. Schön und gut, was ist aber nach der Silvesternacht 2015? Ab dann gilt für einen Großteil der Assekuranzen Solvency II. Hier müssen Infrastrukturinvestments mit 49 bis 59 Prozent Eigenkapital hinterlegt werden. Für die bisherigen Aktivitäten ist das kein Problem – gemessen am Gesamtvermögen machen Infrastrukturanlagen nur einen sehr geringen Teil aus. Das Ziel, institutionelles Kapital in großem Umfang für Infrastrukturprojekte zu mobilisieren, lässt sich so aber nicht realisieren. Für Jean-Claude Junckers Mega-Investitionsplan sehe ich schwarz: Wie soll mithilfe von privaten Investoren ein EU-weiter Effekt von rund 315 Milliarden Euro erzielt werden, wenn den Versicherern (als größten institutionellen Investoren) mehr oder weniger die Hände gebunden sind? Die rechtlichen und regulatorischen Hürden sind einfach zu hoch – vor allem für kleine und mittelgroße Versicherungen und Pensionskassen.

Geht das Blaulicht an?

Und das Problem geht weiter: Versicherer sind auf stabile Renditen oberhalb des aktuellen Zinsniveaus angewiesen. Andernfalls lassen sich die garantierten Gelder nicht mehr am Kapitalmarkt erwirtschaften. Staatsanleihen sind schon lange keine Lösung mehr. Damit sitzen Versicherer in der sprichwörtlichen Zwickmühle.

Gefragt ist an diesem Punkt die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen – und hier zeichnet sich ein kleiner Silberstreif am Horizont ab: Laut der Ratingagentur Scope Ratings hat die Aufsichtsbehörde der EU-Kommission empfohlen, die Eigenkapitalquote für Infrastrukturinvestments auf 30 bis 39 Prozent zu reduzieren. Die Frage ist, wie schnell die Mühlen der Bürokratie mahlen. Ohne eine Anpassung von Solvency II könnten Versicherer, die heute noch völlig gesund sind, über Nacht plötzlich zum Patienten werden – und das, obwohl sich rein gar nichts geändert hat. Hoffen wir, dass 2016 nicht mit einer (unnötig) überfüllten Notaufnahme beginnt.

 

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