Solvency II: das Problem mit dem Moral Hazard

Zwischen (theoretisch) ausfallsicheren Staatsanleihen und einer hohen Kapitalunterlegung für Infrastrukturprojekte – Nachbesserungsbedarf bei Solvency II.

Solvency II: Seit etwas mehr als 15 Jahren versetzt dieses englische Wortungetüm Versicherer in Schrecken. Am 5. Februar hat der Bundestag nun endlich die VAG-Novelle zu Solvency II verabschiedet – 2016 treten die Eigenkapitalregeln verbindlich in Kraft. Die deutschen Versicherer befinden sich momentan in der Testphase und ich würde den Umsetzungsstand als gut bezeichnen. Aller Unkenrufe zum Trotz rechne ich auch 2016 nicht mit größeren Turbulenzen. Befürchtungen der Ratingagentur Moody´s, dass mehrere Lebensversicherer unter dem Druck von Niedrigzinsen und Solvency II kollabieren könnten, halte ich – genauso wie der deutsche Versicherungsverband GDV – für übertrieben. Nicht ausschließen würde ich allerdings eine Marktkonsolidierung durch Run-offs oder den Verkauf von Beständen. Zusätzlich werden Geschäftsmodelle wie die fondsgebundene Lebensversicherung noch stärker in den Fokus rücken.

Solvency II belohnt Moral Hazard

Über den Sinn und Unsinn von Solvency II lässt sich streiten. Als Kölner würde man sagen „Et hätt noch emmer joot jejange“ – zumal mit der Protektor und der Medicator im Ernstfall zwei Auffanggesellschaften bereitstehen. Nichtsdestotrotz ist Solvency II der richtige Schritt, wenn auch an manchen Stellen oversized. Einen Knackpunkt sehe ich allerdings bei den Kapitalanlagerestriktionen.

„Hohes Risiko erfordert hohe Eigenmittel“ – so der Grundsatz unter Solvency II. Klingt schlüssig, einzig an der konsequenten Umsetzung mangelt es. Erster Sündenfall ist der Umgang mit Staatsanleihen der Eurostaaten. Für diese müssen keine Eigenmittel vorgehalten werden, sie wurden als grundsätzlich sicher eingestuft. Im Fall von griechischen Staatsanleihen eine gewagte Einschätzung. Für Versicherer aber nicht unattraktiv – versprechen griechische Staatsanleihen doch eine höhere Rendite als deutsche Renten. Unter dem Strich belohnt Solvency II damit Moral Hazard.

Hohe Kapitalunterlegung für Infrastrukturprojekte

Das Problem geht allerdings noch viel tiefer: Nicht zuletzt aufgrund des Anleihen-Kaufprogramms der EZB werfen viele Staatsanleihen kaum noch etwas ab. Versicherungen stehen daher unter Druck in alternative Anlageklassen zu investieren. Diskutiert werden dabei verstärkt Infrastrukturinvestments (z.B. Straßen, Pipelines, Windparks) .

Anlageformen mit hohen Renditechancen erfordern unter Solvency II jedoch eine hohe Eigenkapitalunterlegung. Infrastrukturinvestments werden derzeit unter „Sonstige Aktienrisiken“ erfasst und zur Quote für nicht-notierte Beteiligungen hinzugerechnet. Das heißt, sie müssen mit 49 Prozent Eigenmittel unterlegt werden. Ein zusätzlicher Adjustierungsfaktor bis zu +/- 10 Prozent kann dies, in Abhängigkeit der Entwicklung der Aktienmärkte, bis auf 59 Prozent erhöhen. Und das, obwohl die Werteentwicklung dieser Anlagen nicht mit Aktienrisiken zusammenhängt.

Separate Risikoklasse notwendig

Infrastrukturinvestments werden – trotz ihres geringeren Risikos – wie Investitionen in Hedgefonds oder Private Equity behandelt. Das macht sie nur als Portfoliobeimischung zur Erzielung eines höheren risikoadjustierten Ertrages attraktiv. Damit ist es wenig verwunderlich, dass die deutschen Versicherer derzeit zu unter einem Prozent ihrer Kapitalanlagen in Infrastruktur oder Erneuerbare Energie investiert sind.

Gleichzeitig wird der Investitionsbedarf für Infrastrukturnetze in Europa von der Europäischen Kommission bis 2020 auf eine Billion Euro geschätzt. In Deutschland sind die Versicherer mit ihren rund 1.395 Milliarden Euro Kapitalanlagen der mit Abstand größte institutionelle Investor. Die Kapitalanlagerestriktionen unter Solvency II laufen damit dem politisch gewollten Ziel einer Mobilisierung privaten Kapitals für Infrastrukturprojekte zuwider und verschärfen zudem die Zwangslage der Versicherer im Zeichen der anhaltenden Niedrigzinsphase. Abhilfe schaffen könnte eine separate Risikoklasse mit niedrigerer Eigenkapitalunterlegung für Infrastrukturinvestments. Sonst könnte Moody´s am Ende doch noch recht behalten…

 

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