Anlageberatung: Wann entern Roboter die Banken?

Immer öfter legen Maschinen das Geld an – nur nicht bei den klassischen Beraterbanken. Diese fordern stattdessen regulatorische Veränderungen. Warum nicht lieber mit spezialisierten FinTechs kooperieren und einen neuen Stein ins Rollen bringen?

„Der regulierungsbedingte Exodus der Banken aus der Aktienberatung kann nicht gestoppt werden“, beklagte Christine Bortenlänger (Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Aktieninstituts) kürzlich in einem Interview mit der Zeitschrift die bank. Und tatsächlich ist die Anzahl der Besitzer von Aktien und Fonds seit 2000 kontinuierlich gesunken. Die Geldvermögen der Deutschen fristen ein trauriges Dasein in unattraktiven, schlecht verzinsten Sparprodukten, die noch nicht einmal die Inflation abfedern können. Die Gründe für dieses lethargische Anlageverhalten liegen laut Bortenschläger klar auf der Hand: unzureichende Grundkenntnisse der Anleger bei Geldanlagen und mangelnde Erfahrung mit der Aktienanlage. Hinzu komme die Protokollierungspflicht, die Bank und Kunde jedes Beratungsgespräch verleide.

Die Zurückhaltung gegenüber der Aktienanlage bestätigt eine Umfrage des Deutschen Aktieninstituts und TNS Infratest: 55 Prozent der Befragten würden keinen Cent in Aktien investieren, wenn sie 10.000 Euro für zehn Jahre anzulegen hätten. Banken, die ihre Kunden hin zu einer zumindest werterhaltenden Anlageform beraten könnten, haben hieran schlichtweg das Interesse verloren. Zumindest dann, wenn es sich um den klassischen Retail-Banking-Kunden mit einem Anlagebetrag bis zu 100.000 Euro handelt. Die einzuhaltenden Regularien sind umständlich und vor allem kosten sie viel Zeit und damit Geld. Der Ruf nach einer Lockerung ist aus Sicht der Banken die logische Konsequenz. Doch die andere Seite der Medaille, die fehlende Erfahrung der Deutschen bei der Aktienanlage, bleibt hiervon unberührt. Zudem hat die Anlageberatung der Banken nicht den allerbesten Ruf bei den Verbrauchern. Skandale um Fehlberatungen z.B. bei der Altersvorsorge haben sich im Gedächtnis verankert und aktuelle Testberichte attestieren deutlichen Nachholbedarf bei der Beratungsqualität.

Banken im Stillstand?

Eine Lösung dieses Dilemmas ist von Seiten der Banken zumindest kurz- bis mittelfristig nicht zu erwarten. Und das, obwohl – laut einer Umfrage von Infosys und Efma – 84 Prozent der Retail-Banken verstärkt in Innovationen zur Steigerung des Kundenerlebnisses investiert haben. Schaut man sich den deutschsprachigen Retail-Online-Banking-Markt an, findet man kaum innovative Serviceangebote, die Kunden hin zu einer Anlage in Wertpapiere führen. Marktinformationen und Anlagefinder für die unterschiedlichen Assets werden dem Kunden im Self-Service-Bereich gereicht. Der Rest ist eigenes Schicksal – weitergehende Beratung? Bei 95 Prozent der von uns analysierten Banken Fehlanzeige!

FinTechs greifen an

Anders sieht es im Umfeld der FinTechs aus: Sie stellen sich der Herausforderung und setzen auf eine automatisierte Anlageberatung. Das zeigt z.B. ein Blick auf die FinTech-Mindmap von Paymentandbanking.com. Hier finden sich Namen wie vaamo, Cashboard, justETF oder ginmon – alle angetreten, um sich als beste Lösung im Segment der Robo-Advisor zu etablieren. Sie alle funktionieren nach einem ähnlichen Prinzip:

  • Eine übersichtliche Website – sie haben ja auch nur ein Produkt im Angebot.
  • Eine leicht verständliche Kundenansprache – ohne anlagespezifische Fachbegriffe.
  • Schritt eins ist die Ermittlung der Anlageziele – mit einer einfachen Risikoermittlung.
  • Schritt zwei umfasst die Auswahl des Portfolios – hier kommen stets ETFs zum Einsatz.
  • Während des Anlagezeitraums wird das Depot „gemanaged“ – das fällt jedoch von Anbieter zu Anbieter sehr unterschiedlich aus.

In Geldanlagen unbedarfte Kunden werden so an die Wertpapieranlage herangeführt. Das Rebalancing des Portfolios ist ein Convenience-Service, den Bankkunden ansonsten nur im Private Banking erfahren. Der entscheidende Unterschied zur klassischen Anlageberatung ist – so paradox das auch klingen mag – die nicht vorhandene Beratung. Denn alle Anbieter schließen die Beratung explizit aus und treten lediglich als Vermittler auf. Hier wird Hilfe zur Selbsthilfe geleistet und die Protokollierungspflicht der Wertpapierberatung geschickt umschifft.

Ob der Kunde mit dieser Form der Anlageberatung besser fährt? Das vermag aktuell noch niemand zu sagen. Zu neu sind die Anbieter und eine Performance-Analyse ist damit wenig aussagekräftig. Fakt ist, dass Kunden bei Robo-Advisorn mit einer zehnprozentigen Erfolgsbeteiligung zur Kasse gebeten werden. Das ist aus Sicht der Kunden fair und verständlich, jedoch ein Kostenblock, der bei vergleichbaren Anlageprodukten, gehandelt über Bank oder Broker, nicht anfallen würde. Allerdings entfällt in diesem Szenario auch das automatische Rebalancing.

Kooperationen in Sicht?

Die zahlreichen Robo-Advisor aus dem FinTech-Lager buhlen um die Gunst der Kunden – haben bisher aber nur marginale Anlagebeträge allokieren können – zumindest verglichen mit den Anlagevolumina klassischer Anbieter. Sie haben aktuell nur einen sehr kleinen Kundenstamm, zumal es nicht leicht ist, den eher konservativen deutschen Anleger zu überzeugen. Banken wiederum haben den Kundenzugang, haben sich aus den eingangs erwähnten Gründen aber aus dem Anlagegeschäft im Retail-Banking zurückgezogen. Warum also nutzen die Banken nicht die Möglichkeit, ihre Anlageprodukte mit Robo-Advisorn an die Frau oder den Mann zu bringen? Aktuell sind es vor allem Direktbanken wie die comdirect, die ihre Kunden zumindest bei der Wertpapierauswahl mit Hilfe von Robo-Advisorn unterstützen, jedoch noch keine Managementfunktion zur Depotüberwachung leisten.

Bisher kooperiert lediglich eine klassische Beraterbank mit einem Robo-Advisor: Die Deutsche Bank hat einen Robo-Advisor auf ihre Online-Anlageplattform Maxblue gestellt und will damit sowohl börsenerfahrene Anleger an sich binden als auch Wertpapiereinsteiger für die Börse gewinnen. Der Anlage-Finder wurde gemeinsam mit dem Finanz-Start-up Fincite entwickelt und geht sogar noch einen Schritt weiter als andere Robo-Advisor-Angebote: Kunden müssen sich nicht mit starr vorgegebenen Portfolien zufriedengeben, sondern erhalten eine Auswahl an Einzelwerten für jede Portfolioklasse und können nach persönlichen Vorlieben die Feinauswahl treffen. Ob andere Banken diesem Beispiel folgen werden? Allzu lange sollten sie sich nicht mehr Zeit lassen. In der Vergangenheit hat z.B. PayPal eindrucksvoll gezeigt, wie schnell sich Branchenneulinge mit Angeboten durchsetzen können, die bis dato niemand vermisst hatte.

 

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