In Draghis Schatten: Kein Ende der Niedrigzinsen in Sicht

Niedrigzinsen – warum uns diese noch eine ganze Weile erhalten bleiben werden und warum Aktien für Anleger der einzig sinnvolle Ausweg sind, erklärt unser Gastautor Prof. Franz Nees.

Wenn man im Sommer 2015 der Frage nachgeht, wie lange die aktuelle Niedrigzinsphase noch andauern wird, dann sollte man sich bewusst sein, dass sich diese Frage mittlerweile schon seit mehr als einem Jahr stellt. Es war im März 2014, als auf der ersten Pressekonferenz der neuen amerikanischen Notenbankchefin Janet Yellen Beobachter aus ihren Äußerungen zu erkennen glaubten, die Zinswende in den USA sei für den Sommer 2015 zu erwarten. Und es ist erst zwei Wochen her, da stellte die gleiche Notenbankchefin fest, die Zeit für eine Zinsanhebung sei immer noch nicht reif. Die Entwicklung seit dem Frühjahr 2014 war insgesamt eher gegenläufig. Was niemand vorhergesehen hatte, trat ein: Die Zinsen fielen zumindest in Europa noch weiter, getrieben auch durch ein Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB), das im Frühjahr 2015 aufgelegt wurde. Erst im Frühsommer gab es eine ganz sanfte Gegenbewegung.

Das Gespenst der Inflation spukt nicht mehr

Die Notenbanken stehen nach wie vor in keiner Weise unter Druck, etwas an der lockeren Zinspolitik zu ändern. Das Gespenst der Inflation hat sich aus den Industrieländern weltweit zurückgezogen. Zwar werden die Märkte mit Liquidität geflutet, aber diese Liquidität verlässt den Finanzsektor nicht. Von einer Flucht in Sachwerte kann keine Rede sein. Gold dümpelt seit dem scharfen Kurssturz um ein Drittel im Jahr 2012 ohne große Impulse seitwärts-abwärts. Aktien sind ambitioniert bewertet, wenn man die Höhe der Indizes betrachtet, sie sind aber nicht überteuert, wenn man sich das Kurs-Gewinn-Verhältnis ansieht und die Dividendenrenditen ins Verhältnis zur Zinssituation setzt. Nur bei Betrachtung des sogenannten Shiller-KGV, einer auf den amerikanischen Nobelpreisträger Robert J. Shiller zurückgehenden Kennzahl, die statt auf den Vorjahresgewinn auf den inflationsbereinigten gleitenden Zehnjahresdurchschnitt der Unternehmensgewinne aufsetzt, erscheint der Aktienmarkt in einem gefährlichen Licht, weil diese Kennzahl sich mit einem Wert von 26 auf einem ähnlichen Niveau befindet wie in den Jahren 2000 und 2007/08. Allerdings sind die gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen andere als damals. Das Wachstum ist erheblich niedriger und von Inflation wie gesagt keine Spur. Mit anderen Worten, die Notenbanken werden in der Gegenwart den Aktienmarkt nicht abwürgen (anders als 2000 und 2007/08). Und nur zur Erinnerung: Die Verzinsung zehnjähriger Bundesanleihen lag 2000 bei etwa fünf Prozent und Anfang 2008 bei mehr als vier Prozent, es gab also echte Alternativen zu Investments in Aktien.

„Schuldfrage“ ungeklärt

Aber vielleicht sind es auch gar nicht die Yellens und Draghis, die die Zinsen künstlich klein halten. Wichtige amerikanische Ökonomen um den früheren Finanzminister und Weltbank-Chefökonomen Larry Summers sehen eine andauernde weltweite Ersparnisflut und Investitionsschwäche als Ursache des Niedrigzinses. Nicht die Notenbanken, sondern Angebot und Nachfrage nach Kapital sind schuld an den mauen Zinsen. Wenn dem tatsächlich so ist, dann wird es bis auf Weiteres gar kein Ende der Niedrigzinsphase geben. Längst nicht alle Ökonomen folgen dieser Sicht. Aber egal, zu welchem Lager man in den Argumenten neigt, für den Anleger gibt es im Sommer 2015 keine Alternative zu Aktien. Anleihen werfen kaum noch Zinsen ab. Durch den weiteren Rückgang der Zinsen im Verlauf von 2014 sind die Kurse noch einmal angestiegen. Wer heute in Anleihen investiert, muss entweder auf lange Sicht mit diesen Minizinsen leben oder aber starke Kursverluste in seinem Portfolio hinnehmen, wenn es tatsächlich zu einer Zinswende kommt. Schon aktuell kann man sehen, was in diesem Segment passiert, wenn aus den Mikrozinsen im Zehntelprozentbereich auch nur Minizinsen im Halbprozentbereich werden. Es kommt zu gravierenden Kurseinbrüchen der Anleihen, ohne dass deswegen anschließend ein auskömmliches Renditeniveau auf dem Rentenmarkt erreicht wäre. Zu allem Überfluss ereignete sich dieser Minicrash am Anleihemarkt auch noch in einer Konsolidierungsphase des Aktienmarktes. Die risikominimierende Diversifikation des Portfolios kann also auch nicht mehr durch paralleles Engagement in Aktien und Anleihen erreicht werden.

Aktien als einzige Option

Die Frage lautet daher nicht mehr „Aktien oder Anleihen?“, sondern, in welche Aktien aus welchem Segment und welcher Region investiert werden soll. Wer seine Anlagen im Hinblick auf Rendite und Risiko optimieren will, tut dies heute am besten vollständig auf dem Aktienmarkt. Allerdings werden nur die wenigsten Anleger dabei so viel Expertise mitbringen, dass sie dies eigenständig leisten können. Für den Durchschnittsanleger stellt sich erst recht die Frage nach der optimalen Unterstützung. Wem kann er vertrauen und wer kann ihm diese Leistung kostengünstig anbieten? Quantitative automatisierte Anlagestrategien sind dabei sicher nicht der schlechteste Weg.

 

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