Quants im Vormarsch – das Algo-Trading der Zukunft

„Wer mit 20 schon Quant ist, hat kein Herz – wer mit 40 noch immer nicht Quant ist, keinen Verstand.“ Dieser in der Finanz- und Investmentbranche geläufige Witz birgt de facto ein Quäntchen Wahrheit, doch was genau steckt dahinter?

Während sich die Volatilität bei Anleihen, Devisen und Rohstoffen im Aufwärtstrend befindet, freuen sich die Börsen in den USA und Fernost über gute Unternehmensbilanzen. Auch der DAX verzeichnet – nicht zuletzt aufgrund des EZB-Anleihenkaufprogramms – Höchststände. Doch nicht nur die Aktienmärkte erfahren neue Rekorde: Insbesondere quantitative Hedgefonds profitieren von den „anhaltenden Bewegungen an den Rohstoff-, Anleihe- und Devisenmärkten” – so James Skeggs, Chef für alternative Investments bei Newedge. ISAM erzielte im Januar einen Ertrag von ca. elf Prozent, Systematica kam bis zum 16. Januar auf ein Plus von sieben Prozent, der modellbasierte Lynx wies bis zu diesem Zeitpunkt ein Plus von 4,1 Prozent auf.

Quant-Fonds im Aufwind

Nach drei Jahren mäßiger Entwicklung ließen sich im Dezember 2014 Neuinvestitionen in Quant-Strategien verzeichnen. Diese beliefen sich Angaben des Datenanbieters eVestment zufolge auf mehr als eine Milliarde US-Dollar. Ausgangspunkt waren Rekordgewinne in der zweiten Jahreshälfte 2014: Cantab Capital Partners Hauptfonds beendete das Jahr z.B. 39 Prozent höher, während ISAM Systematics 2014 mit einem Plus von 62,4 Prozent abschloss. Insgesamt konnte die Hedgefondsindustrie 2014 mit Zuflüssen von knapp 100 Milliarden US-Dollar den höchsten Stand seit 2007 verbuchen.

Laut der New York University basierten 2011 mindestens 30 Prozent des US-Aktienhandels auf Algorithmus-basierten Computersystemen – heute dürfte dieser Wert bereits deutlich höher liegen. Experten schätzen ihn auf 60 Prozent in den USA und 40 Prozent in Deutschland. Eine Entwicklung, die sich auch im Privatanlegerbereich widerspiegelt: Mit dem Computersystem Robo-Advice werden heute zwischen zehn und 15 Milliarden US-Dollar verwaltet – ohne menschliche Eingriffe in die Vermögensverwaltung.

Computer, die besseren Fondsmanager

Davon, dass Computer die besseren Fondsmanager sind, ist auch Bastian Ringsdorf, Gründer und Geschäftsführer von Michulke & Ringsdorf Investmenttechnologies, überzeugt. Das Unternehmen steht für autonomes, maschinelles Lernen über quantitative Faktoren im Börsenhandel und liefert auf Basis Künstlicher Intelligenz Prognosen für den Aktienmarkt sowie zur Betrugsmustererkennung und dem Energiemarkt in Europa. Eine Annahme, die durch eine Studie von Scope Analysis gestützt wird. Die Ratingagentur hat 2012 quantitativ und klassisch gemanagte vermögensverwaltende Fonds gegenübergestellt und kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Quantitativ gemanagte Fonds haben auf eine Zehnjahressicht mit 24,3 Prozent eine deutlich höhere Wertentwicklung erzielt als klassisch gemanagte Fonds mit 10,6 Prozent. Dabei erlitten Quant-Fonds insbesondere in der Abschwungphase am Aktienmarkt von Juni 2007 bis Februar 2009 niedrigere Verluste.

Ein Punkt, auf den Michael Fraikin, Portfoliomanager bei Invesco, im Interview mit dem Spiegel bereits 2011 hinweist: „Die Erfahrung zeigt, dass die Maschinen gerade in solchen Extremsituationen weit besonnenere Entscheidungen fällen als Menschen.“ Er untermauert diese Aussage mit Stimmungserhebungen der American Association of Individual Investors unter Börsianern. Demnach ist die Anlegerpanik immer dann am größten, wenn die Indizes bereits wieder zu steigen beginnen.

Gefragt sind krisenrobuste Modelle

Mit den „Freudensprüngen an den Aktienmärkten“ könnte es laut Helaba-Analyst Markus Reinwand bald schon vorbei sein. Er erwartet aufgrund der eher verhaltenen Wachstums- und Gewinnperspektiven eine gewisse Ernüchterung. Aktuell sind private und institutionelle Anleger so offensiv in Aktien positioniert wie zuletzt 2007 und 2011 – jeweils wenig später erreichte der DAX sein zyklisches Hoch. Es drohen Kursverluste, und damit – folgt man der Argumentation Michael Fraikins – eine Anlegerpanik. Umso wichtiger erscheint es, nun Vorsicht zu wahren und auf krisenrobuste, systematische Quant-Modelle umzusteigen, die verstärkt auf Künstlicher Intelligenz und Risikoadjustierung basieren. Sie können adaptiver und flexibler auf sich wandelnde Marktsituationen reagieren und schlussendlich Volatilitäten und Einbrüche antizipieren.

Nicht ohne Grund schneiden Quant-Strategien in einer Baisse besser ab als ihre klassisch verwalteten Pendants. Vor diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, dass Neuinvestitionen in Quant-Strategien aktuell wieder ansteigen und so mancher Fondsmanager in seiner Laufbahn und mit zunehmendem Erfahrungsschatz auf Quant-Strategien umsteigt: „Wer mit 20 schon Quant ist, hat kein Herz – wer mit 40 noch immer nicht Quant ist, keinen Verstand.“

 

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