Disruption in der Finanzwelt – Die Blockchain als Problemlöser?

„Die Blockchain übernimmt Bankdienstleistungen“ war eines der Szenarien, die wir im Innovation Report Banking (IRB) 2016 für die Zukunft gezeichnet haben. Heute, mehr als zwei Jahre danach, ist es an der Zeit, diese Prognose den aktuellen Entwicklungen gegenüberzustellen.

2016 war unsere Einschätzung, dass die Technologie hinter der Blockchain disruptiv auf die Finanzbranche wirken könnte, den Banken selbst aber auch die Chance bietet, eine Vorreiterrolle bei technologischen Innovationen einzunehmen. Während die Banken aktuell (noch) unbestritten Ankerpunkte für die (allermeisten) Kunden sind, möchte ich dennoch einen genaueren Blick auf den aktuellen Stand werfen. Hat sich in den letzten zwei Jahren etwas getan?

Entscheidend ist die Technologie

Wie passt das überhaupt zusammen, Banken und Blockchain? Wenn bei „Blockchain“ als erstes „Bitcoin“ im Kopf auftaucht, dann sind die nächsten Assoziationen vielleicht direkt Darknet, Geldwäsche, Kriminalität. Oder Krypto-Skandale und betrügerische ICOs (Initial Coin Offerings). Ich denke dabei auch an spekulative, regulierungsfreie, anonyme, hochriskante Anlagen. Erst im Herbst wurde vom Kammergericht Berlin geurteilt, dass der Handel mit Bitcoin kein Bankgeschäft ist. Das alles klingt zumindest zum Großteil nicht nach Bankenumfeld. Aber die Technologie hinter der Blockchain, die Distributed Ledger Technology (DLT), hat weit mehr zu bieten als alternative Währungen, digitales Gold oder Silber. Für das Bankenumfeld – sei es unterstützend oder auch als Bedrohung – geht es dabei vor allem um Kosteneinsparungen (wie z.B. in den Blogbeiträgen „Zukunft der Blockchain I: Skalierbarkeit als Showstopper“ und „Zukunft der Blockchain III: Banken vs. FinTechs – wer hat die Nase vorn?“ von unserem Gastautor Franz Nees erläutert) und Geschwindigkeit (Bedenken hierzu hat z.B. mein Kollege Andreas Rinner in seinem Blogbeitrag „4 kritische Erfolgsfaktoren für die Blockchain“ aus dem Weg geräumt).

Wie ist also der aktuelle Stand?

Bereits im IRB 2016 haben wir beschrieben, dass R3 einen potenziellen SWIFT-Nachfolger liefern könnte. Seit Ende 2016 ist die Plattform des Unternehmens, Corda, auf dem Markt, 2017 wurde von einem Projekt auf Basis der Corda-Plattform berichtet, das den gesamten Prozess bei internationalen Zahlungen abdecken soll. Hierzu gibt es bereits diverse Ansätze im Blockchain-Bereich, allerdings unterscheidet sich das R3-Projekt durch die direkte digitale Repräsentation („Stablecoin“) des Fiat-Geldes, anstatt einen (instabilen) Cryptocoin als „Brücke“ einzusetzen. Für Ende 2018, Anfang 2019 waren Pilotprojekte geplant – neuere Berichterstattung habe ich speziell zu diesem Projekt nicht gefunden. In Kürze: Seit unserem Innovation Report Banking hat sich in diesem Fall nur hinter den Kulissen etwas getan.

Ein Wettbewerber von R3 ist auf diesem Feld das Unternehmen RippleLabs mit ihrem Produkt xCurrent für internationale Zahlungen über das Interledger Protocol. Bereits über 120 Banken, Zahlungsdienstleister und Unternehmen weltweit, darunter die Reisebank (100-prozentige DZ-Bank-Tochter), aber auch große Institute wie Santander, UBS oder UniCredit, nutzen xCurrent. Bis auf die Anzahl der Banken finden sich keine Erfolgszahlen – in einem Video des Unternehmens wird jedoch von über 1 Milliarde Dollar an Transaktionsvolumen für das Jahr 2017 gesprochen. Beileibe keine hohe Zahl für den internationalen Zahlungsverkehr, aktuellere Zahlen sind auch hier keine verfügbar. Mit dem aktuellen Update von xCurrent wird der Übergang der Kunden auf xRapid vereinfacht – jenes Produkt, das für diese Zahlungen dann neben dem Nachrichtenprotokoll auch den Ripple-eigenen Cryptocoin XRP einsetzt und dadurch Liquiditätsprobleme lösen kann. Bislang wird xRapid jedoch nur von wenigen Unternehmen eingesetzt.

Was unternimmt SWIFT?

Die Antwort von SWIFT auf diese Konkurrenz, das Anfang 2017 vorgestellte gpi (Global Payments Innovation), beinhaltet zumindest derzeit noch keine DLT-Technologie – 2017 lief jedoch ein Proof of Concept für die Integration der Hyperledger-Plattform, der im März 2018 mit positiven Ergebnissen beendet wurde. Dem Unternehmen nach sei es auch für SWIFT eine „strategische Priorität“, sich mit DLT zu befassen und sie zukünftig in Lösungen wie gpi einzusetzen. Jedoch wären sowohl bei der Technologie als auch auf Seite der Finanzindustrie Weiterentwicklungen nötig, bevor DLT in großem Umfang genutzt werden könne. SWIFT gpi wird aktuell bereits von knapp 300 Banken weltweit verwendet, darunter auch die Commerzbank und Deutsche Bank, und wickelt nach eigenen Angaben „hundreds of billions in payments“ täglich ab, was bereits mehr als die Hälfte des gesamten grenzüberschreitenden Zahlungsverkehrs von SWIFT sei. Zudem bietet der neue Service bereits jetzt, ohne den Einsatz von DLT, einige Vorteile: So konnte z.B. die Schnelligkeit der Zahlungen mit gpi deutlich erhöht werden.

Damit steht eine Ablösung von SWIFT durch DLT derzeit wohl nicht unmittelbar bevor. Die Innovationsgeschwindigkeit scheint eher gering zu sein und es sieht für mich zudem nach einer starken Reaktion des Bedrängten aus. Klar scheint mir jedoch, dass DLT kein Heilsbringer für jeden Anwendungsfall ist und auf die Schnelle auch keine radikale Veränderung in das Finanzsystem an sich bringen wird. Genauso klar ist für mich aber auch, dass es eine aussichtsreiche Technologie ist, wenn sie für die richtigen Geschäftsfälle im Unternehmen – ob in der Finanzbranche oder nicht – eingesetzt wird. Für die passenden Anwendungsfälle kann sie – jenseits des Bitcoin-Hypes – Vorteile bei Kosten und Geschwindigkeit bedeuten. Hier bei PASS arbeiten wir beispielsweise an einem neuen Produkt für die E-Mail-Archivierung, das Bestandteile der Blockchain-Technologie nutzt, um die Integrität des Datenbestandes, Nachvollziehbarkeit und Replikation zu realisieren. Welche Anwendungsfälle gibt es in Ihrem Unternehmen? Laufen bei Ihnen bereits Projekte rund um DLT?

Neue Aussichten

Ganz zuletzt möchte ich den Fokus im Ausblick des IRB 2016 noch einmal ins Verhältnis zu meiner aktuellen Perspektive setzen. Neben der DLT bietet eine weitere Technologie das Potenzial, die Finanzbranche und Geschäftswelt an sich zu verändern, vielleicht sogar auf einer noch breiteren Basis. Repetitive Prozesse mit hohen Datenvolumina können durch künstliche Intelligenz weit effizienter abgewickelt werden. Und diese finden sich bei Finanzdienstleistern zuhauf, vom Bereich Compliance (z.B. bei der Betrugserkennung) oder bei der Analyse von Kundendaten (z.B. für Abwanderungsanalysen) bis hin zur Kundeninteraktion (z.B. als Chatbot-Banking, wie im Beitrag „Sind Chatbots die Zukunft im Digital Retail Banking?“ von meiner Kollegin Christine Spietz beschrieben). Und vielleicht bahnt sich dadurch eine disruptive Veränderung der Finanzwelt an, wenn Banken die durch den Einsatz von KI gewonnene Zeit für den tatsächlichen Service am Kunden nutzen. Auf jeden Fall auch ein Thema, an dem ich dran bleiben möchte.

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