Instant Payments: Gut gedacht, schlecht gemacht?

Instant Payments: Gut gedacht, schlecht gemacht?

Haben Instant Payments das Zeug zum Game Changer im Zahlungsverkehr?

Seit dem 10. Juli geht es für viele Sparkassen-Kunden (theoretisch) ganz schnell. Die Sparkassen-Finanzgruppe ist die erste deutsche Institutsgruppe, die Instant Payments ermöglicht. Sie folgt damit der Hypo-Vereinsbank, die diesen Service bereits seit November 2017 bereitstellt. Bis Ende des Jahres wollen auch die Volks- und Raiffeisenbanken die technischen Voraussetzungen schaffen und ihren Kunden ab 2019 nach und nach Echtzeitüberweisungen zur Verfügung stellen.

Worum geht es bei Instant Payments?

Instant Payments sind ein elektronisches Massenzahlungssystem in Euro, das eine Verfügbarkeit von 24/7 x 365 hat. Das wichtigste ist, dass ein nahezu sofortiges Interbanken-Clearing erfolgt, d.h., die Gutschrift auf dem Konto des Empfängers findet quasi unmittelbar statt. Aktuell ist die Betragsgrenze auf 15.000 Euro festgelegt. Die zentrale technische Abwicklungsplattform TIPS (Target Instant Payments Settlement) stellt die Europäische Zentralbank (EZB) zur Verfügung.

Echtzeitökonomie im Zahlungsverkehr

In meinem Beitrag zum Zahlverhalten der Deutschen habe ich aufgeführt, wie wir Bargeld, Karten oder Online- und Mobile-Zahlverfahren heute nutzen. Laut Zahlen der Bundesbank werden in Deutschland täglich ca. 85 Millionen Zahlungen elektronisch verarbeitet. Dieser Trend, am Point-of-Sale (POS) nicht mit Bargeld zu bezahlen, wird sich in den kommenden Jahren fortsetzen, nicht zuletzt, weil der eigentliche Zahlungsprozess durch den Einsatz neuer Technologien beim Kauf in den Hintergrund treten wird. So prognostiziert die EZB optimistisch, dass im Jahr 2023 knapp ein Viertel aller elektronischen Zahlungen im Euroraum instant durchgeführt werden.

Dank der Digitalisierung ist es möglich, online bestellte physische Produkte noch am selben Tag ausgeliefert zu bekommen. Bei rein digitalen „Produkten“ wie einer Zahlung war das – zumindest für Privatpersonen – bisher nicht zu erschwinglichen Konditionen oder außerhalb von geschlossenen Systemen wie z.B. PayPal möglich. Mit Instant Payments kommt die Echtzeitökonomie jetzt auch im Zahlungsverkehr an. Und wie bei der Digitalisierung geht es nicht nur darum, bestehende Prozesse weiter zu automatisieren, nein, es geht vielmehr darum, komplett neue Geschäftsprozesse zu etablieren.

Einsatzgebiete für Instant Payments

Ein Einsatzgebiet für Instant Payments sind sicher Pay-as-you-use-Modelle. Warum? Zum einen handelt es sich bei Instant Payments vom Ansatz her um ein kostengünstiges Zahlverfahren und zum anderen basiert es auf der SEPA-Überweisung (SCT). Das bedeutet, anders als bei SEPA-Lastschriften (SDD), kann die Zahlung nach der Ausführung nicht mehr widerrufen werden. Somit fallen die Kosten für die Absicherung des Ausfallrisikos weg und der Händler kann sofort nach der Transaktion über den eingenommenen Betrag verfügen. So hört man z.B., dass Versicherer über Kfz-Versicherungen nachdenken, die nicht pauschal bezahlt werden, sondern für die nur dann Kosten entstehen, wenn das Auto tatsächlich genutzt wird – sprich eine kilometergenaue Abrechnung.

Auch im Handel stoßen Instant Payments auf großes Interesse, sieht man hier doch drei potenzielle Vorteile des Verfahrens:

  1. Die finale Gutschrift einer Zahlung erfolgt innerhalb von Sekunden, d.h. das Geld ist sofort verfügbar.
  2. Zwischengeschaltete Zahlungsdienstleister können ausgeschaltet werden.
  3. Sinkende Kosten für den Zahlungsverkehr aufgrund zunehmenden Wettbewerbs.

Darüber hinaus muss man sicherlich kein Prophet sein, um zu prognostizieren, dass die Zahlung per Nachnahme im Versandhandel durch einen Instant-Payment-gestützten Prozess abgelöst werden wird.

Zuletzt kann ich mir vorstellen, dass die Kopplung von Initiativen zur elektronischen Rechnungsstellung (E-Invoicing/ZUGFeRD) mit Instant Payments neue Prozesse hervorbringen werden: Wozu benötigt ein Unternehmen noch das Zero Balancing durch seine Hausbank, wenn sie dies mittels Instant Payments auch selbst automatisiert durchführen kann?

Innovation mit Herausforderungen

Damit das Zahlen per Instant Payments auch tatsächlich in der breiten Bevölkerung ankommt, und die normale Überweisung sowie Bargeld als das bevorzugte Zahlungsmittel am POS ablöst, sind allerdings erst folgende Herausforderungen zu meistern:

  • Flächendeckende Akzeptanz
    Instant Payments funktionieren nur, wenn beide Banken – also die des Zahlers und Empfängers – den neuen Standard nutzen. Bisher gehören dem System erst 22 europäische Banken an. Banken müssen die Vorteile für sich erkennen und mit der Einführung von Sofortüberweisungen mehr verbinden als hohe IT-Investitionen.
  • Attraktive Kostenstruktur
    Viele Banken sehen Instant Payments aktuell als eine Mehrwertdienstleitung, die der Kunden zu bezahlen hat – das zeigt ein Blick auf die Kostenstruktur der Sparkassen: Während manche Sparkassen keine extra Gebühr verlangen (z.B. Frankfurter Sparkasse und Nassauische Sparkasse) liegen bei anderen die Kosten zwischen 50 Cent und fünf Euro pro Überweisung.
  • Technische Infrastruktur
    Händler müssen ihre Kassensysteme und Kartenterminals an das neue Verfahren anpassen. Darüber hinaus muss die Netzabdeckung in der Fläche sowie am POS deutlich verbessert werden, denn ohne Zugang zum Internet/Mobilfunknetz wird es nicht funktionieren.
  • Erhöhung des Zahlkomforts und Kooperationen
    Etablierung bequemer Bezahlapps, welche die Zahlung per Smartphone attraktiv machen. Um Instant Payments und Mobile-Payment-Zahlungen durchzuführen, möchte jedoch niemand mehr als eine oder vielleicht zwei Apps nutzen. Das heißt, (zumindest) die deutschen Banken müssten sich endlich dazu durchringen, eine gemeinsame App zu entwickeln. Das Alternativszenario wird sein, dass keine der deutschen Initiativen das Zeug haben wird, den internationalen Gorillas Paroli zu bieten – und wenn man im Bild bleibt – über das Schimpansen-Dasein hinauszukommen.
  • Schaffen von Use Cases
    Aktuell liegen die Vorteile von Instant Payments weniger auf der Kundenseite, sondern vor allem auf Unternehmensseite (Stichwort: Liquiditätsplanung) – hier gilt es, entsprechende Use Cases mit Kundenmehrwert zu schaffen. Wobei sich die Banken selbst noch schwer damit tun, neue Instant-Payment-Produkte zu lancieren.

Nur wenn es gelingt, die oben genannten Punkte zu realisieren, haben Instant Payments die Chance, ein Game Changer im Zahlungsverkehr zu werden und das Bargeld in Deutschland sowie weiten Teilen Europas nachhaltig zurückzudrängen.

 

Bildquelle: Shutterstock

2 Gedanken zu “Instant Payments: Gut gedacht, schlecht gemacht?”

  1. Tobias Lämmle

    Vielen Dank für diesen super Artikel zu den Chancen, aber auch den Herausforderungen von Instant Payments. Ich denke auch, dass die Infrastruktur alleine nicht ausreichen wird, Menschen in Deutschland (Europa) davon zu überzeugen, Instant Payments zu nutzen.

    Dafür wird es meiner Meinung nach Apps brauchen, die einfach zu bedienen sind und die Kunden sich dabei wohl fühlen. Ich denke dabei an entweder die Bezahlung via NFC am POS – dabei könnten u.U. sogar bestehende Terminals weiterverwendet werden oder via QR Code – ähnlich wie dies bei der Alipay-App möglich ist.

    1. Ole Barkmann

      Ole Barkmann

      Hallo Herr Lämmle,
      vielen Dank, dass Ihnen der Artikel gefällt.
      Ja, die Möglichkeiten via App auf dem Smartphone einfach und schnell den Bezahlvorgang durchführen zu können, wird auch ein entscheidender Erfolgsfaktor sein. Zu beachten ist m.E. hierbei aber auch, dass entweder die vorhandenen Apps untereinander interoperabel werden oder sich die deutschen Banken auf möglichst eine gemeinsame Lösung einigen. Die Skandinavier sind mit „Swish“ in der richtigen Richtung unterwegs. Niemand möchte für den Zahlungsverkehr mehrere Apps nutzen.
      Viele Grüße
      Ole Barkmann

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